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[- Der Weihnachtsmann geht online -]

 

Ganz tief im Norden liegt versteckt in einem verschneiten Wald das Weihnachtsdorf.

Seit Jahrhunderten arbeiten dort viele fleißige Hände und stellen die bei den Kindern so begehrten Spielzeuge für das Weihnachtsfest her. Da ist, neben vielen anderen, der Puppenmacher, der mit geschickter Hand die schönsten Puppen kreiert, der Holzschnitzer, der geübt die schönsten Holzfiguren zaubert und die ältliche Näherin, die dafür sorgt, das die Puppen immer ansprechend gekleidet sind.

Mistelzweig © Sirpa Weiler

Metallbauer und Schlosser stellen Roller und Fahrräder in allen erdenklichen Formen und Größen her und ölen sorgsam die Ketten der fahrenden Gefährte. Der Gitarrenbauer wetteifert mit dem Flötenschnitzer um die reinsten Töne.

Es gibt ein großes Backhaus, in dem der weihnachtliche Bäckermeister mit seinen Gesellen die leckeren Weihnachtsplätzchen backt, den Lebkuchen formt und jedes Jahr aufs neue noch nicht dagewesene Leckereien aus Marzipan herstellt.
In verschneiten Holzhäusern sitzen die ausgesuchten Handwerker des Weihnachtsmannes beisammen und stellen in fröhlicher Runde die schönsten Weihnachtsgeschenke für die Kinder her.

Am Abend dann, wenn das angenehme Tagewerk vollbracht ist, treffen sich die fröhlichen Helfer in der großen, gut beheizten Schmiede um noch ein wenig zusammen zu sitzen und sich bei einem Glas Glühwein auszutauschen. Ab und an schaute der vielbeschäftigte Weihnachtsmann herein, um neu eingegangene Wunschzettel von Kindern aus der ganzen Welt zu bringen und die Aufträge unter den freundlichen Helfern aufzuteilen. Manchmal waren schon recht eigenartige Wünsche dabei, doch die Gewerkeleute bemühten sich, jeden einzelnen der eingegangenen Wünsche bestmöglich zu realisieren.

So arbeiteten der Ledermacher mal mit dem Wagenbauer und ein anderes mal mit dem Glasbläser zusammen um auch die ausgefallensten Wünsche der Kinder erfüllen zu können, Sie sahen im Geiste schon die strahlenden Gesichter und die glänzenden Augen der Kinder am Weihnachtsabend. Es machte ihnen Spaß die oftmals lustigen Briefe der Kinder zu lesen und so manch ein Brief machte sie auch nachdenklich und stimmte sie Traurig.

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Auch wenn alle Helfer diese Idylle in dem verschneiten Walddorf Jahr für Jahr genossen, sie sich über jedes gefertigte Spielzeug freuten, ließ sich in den letzten Jahren eine recht seltsame Entwicklung im Weihnachtsdorf beobachten. Immer weniger der Handwerker, konnten ihr handwerkliches Talent einsetzen um das herzustellen was ihnen schon immer im Blute lag. Immer mehr der fleißigen Bewohner wurden umgeschult, um herzustellen, was bei den Kindern zu Weihnachten gefragt war.

So mußte die Engelshaarherstellerin Spielkonsolen zusammenbauen und der Ballmacher sich mit dem Bestücken von Computerplatinen rumschlagen. Die Leute aus dem Sägewerk, die früher für die edlen Hölzer der Puppenhausmöbel verantwortlich waren, schraubten und bohrten nun an billigen Plastikgehäusen für die verschiedensten elektronischen Geräte herum. Immer seltener wurde es, das die vortrefflichen Handwerker und Handwerkerinnen ein von ihnen gefertigtes Weihnachtsgeschenk stolz in der abendlichen Runde vorzeigen und der Weihnachtsverpackungsabteilung zuführen konnten.
Von Jahr zu Jahr nahm diese negative Entwicklung immer mehr an Umfang zu, im sonst so friedlichen Weihnachtsdorf war immer öfter - statt einen fröhlichem vor sich Hinsummen der Gewerkeleute, das klappernde Hämmern der Schmiede oder dem surren der Nähmaschinen – ein plärren und nerviges gedudel dieser elektronischen Monstren zu hören.

Auch wenn diese neue Art des Herstellens mehr mühsam als befriedigend für die fleißigen Helfer war, so war ihnen klar, daß die Wünsche der Kinder im Vordergrund stehen sollten und nahmen diese neue Tendenz - wenn auch mit einigem Unverständnis - als gegeben hin. Sie freuten sich aber immer mehr, wenn dann mal auf einem liebevoll geschriebenen Wunschzettel ein Wunsch verzeichnet war, bei dem sie wieder mal ihr ganzes handwerkliches Geschick einsetzen und ihr Können beweisen konnten.

Auch dem Weihnachtsmann, der in einem etwas abgelegenen Haus, umgeben von Ställen und Weiden für seine Rentiere wohnte, war aufgefallen, daß die Stimmung in dem früher so fröhlichen Weihnachtsdorf von Jahr zu Jahr bedrückender wurde und Unsicherheit über die Zukunft des Weihnachtsfestes und somit auch des Weihnachtsdorfes zunahm.

Aus dieser misslichen Situation heraus, hatte sich der Weihnachtsmann entschieden, für dieses Jahr eine Erhebung bei den Kindern der Weltbevölkerung durchführen zu lassen. Er hatte dazu eine junge dynamische, weltliche Firma beauftragt, die ihm Lösungen erarbeiten sollten, wie dem Problem Rechnung zu tragen sei. Berücksichtigung sollte auch finden, daß die Wünsche der Kinder immer größer und zahlreicher wurden, und es kaum noch zu schaffen war, daß die Geschenke pünktlich zum Weihnachtsfest unter dem Tannenbaum lagen. Hatten doch schon im letzten Jahr seine Rentiere die Last kaum noch schaffen können und Hubert, sein treues Leittier wurde auch langsam älter und bedurfte immer größerer Ruhezeiten.

Nach Wochen hektischen Treibens im Weihnachtsdorf - überall liefen junge, dynamische, gut gekleidete Männer und Frauen herum. Sie nahmen Zeiten mit Stoppuhren, ließen sich Fabrikationswege erläutern, füllten hunderte von Formularen aus, erörterten, diskutierten und planten. Nach vielen male Kopfschütteln sowohl bei den Jungunternehmern als auch bei den heimischen Handwerkern wurde dann endlich dem Weihnachtsmann ein eiligst ausgearbeitetes Konzept für eine moderne Weihnachtsproduktion, ein Spielzeugbestellwesen und einen Direktversandt vorgestellt.

Der Weihnachtsmann, von den vielen Fremdwörtern wie Qutsourrcing, Datenhändling, Reccourcenbündelung Transferatings und was noch alles von den geschniegelten Wunderknaben vorgetragen wurde, unsicher geworden – hatte er doch sowieso kaum ein Wort verstanden – entschloss sich, den so überzeugt auftretenden Fachleuten den Auftrag zu erteilen, das Weihnachtsdorf zu modernisieren und dem elektronischen Zeitalter mit alle den dargelegten Vorteilen in das Weihnachtsdorf Einlass zu gewähren.

Es dauerte nicht lange, und das Weihnachtsdorf war durchzogen mit tausenden von Kabeln die zu tausenden Computer führten. Tausende Bildschirme flackerten und hunderte von Druckern wurden installiert um der zu erwartenden Flut an Wunschzettel Herr werden zu können. Die Produktion der bisher üblicherweise gefertigten Weihnachtsspielzeuge wurde drastisch heruntergefahren und die Werkleute wurden geschult, der neuen Verfahrensweise Herr zu werden.

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Je näher das Weihnachtsfest rückte, umso hektischer wurden die Aktivitäten der jungen Leute im Weihnachtsdorf. Es wurden Weihnachtsmann-Emailadressen zu Hauf eingerichtet, da laut den Erhebungen davon auszugehen war, daß ein moderner Wunschzettel natürlich auch den elektronischen Weg gehen würde. Formulare über Formulare wurden online gestellt um auch wirklich allen Anforderungen gerecht werden zu können. Auf Weihnachtsmann-Webseiten wurden Geschenkvorschläge offeriert und mit den verschiedensten Herstellern wurden Lieferverträge abgeschlossen um beim weltweiten elektronischen Einkauf die besten Preise aushandeln zu können. Auch Kooperationsverträge mit Internet-Handelshäusern wurde abgeschlossen und somit das Versandproblem gelöst.

Die alten Handwerker saßen tagsüber an ihren neuen blitzblanken Arbeitsplätzen, schauten - ohne eigentlich eine Ahnung zu haben was da ablief - auf die Bildschirme und füllten freudlos das Druckerpapier nach, so wie es ihnen gezeigt worden war.

Auch das allabendliche Treffen in der Schmiede war plötzlich nicht mehr das was es einmal war. Statt fröhlich beieinander zu sitzen, tauschten sie in aller Stille ihre Befürchtungen aus, versuchten mit dem vorherrschenden Frust fertig zu werden und trauerten dem Weihnachtsfest der früheren Jahre hinterher.
Dies alles war dem Weihnachtsmann nicht verborgen geblieben und so versuchte er, wenn auch mit wenig überzeugter Stimme, seine langjährigen Mitarbeiter aufzumuntern und auf das kommende Weihnachtsfest einzustimmen.

Aber irgendwie, so stellte auch der Weihnachtsmann fest, fehlte dem Zusammenleben im Dorfe in diesem Jahr etwas. Es fehlte das scheppernde Hämmern der Schmiede, das rattern der Nähmaschinen und es fehlte der herrliche Geruch von frisch gebackenem Gebäck aus der Backstube. Es fehlte das fröhlich Summen der Holzschnitzer und die ausgelassenen Lieder der Puppenmacherinnen. Es fehlte einfach das Gefühl für das nahende Weihnachtsfest, die Vorfreude auf diese segensreichen Feiertage.

Auch das Anlitz des sonst in einer glitzernden Schneedecke eingehüllten Weihnachtsdorfes hatte sich verändert. Überall waren Antennen und Satellitenschüsseln aufgestellt und statt schneebehangener Tannen, zierten nun Sende- und Empfangsmasten das Dorf. Kabelkanäle führten in alle Richtungen und machten selbst nicht vor den Gehegen der Rentiere halt.

Der Weihnachtsmann fühlte sich von Tag zu Tag älter und älter. Immer mehr zweifelte er, ob er auch wirklich die richtige Entscheidung getroffen habe. Immer öfters mußten die jungen „Dynamischen“ den Weihnachtsmann von der Richtigkeit, seines Tuns überzeugen. „Welche Aufgabe habe ich eigentlich noch“ fragte sich der Weihnachtsmann.. „Welchen Sinn macht solch ein Weihnachtsfest noch“ zweifelte er. „Ist es das, was die Kinder dieser Welt wollten... ein perfektioniertes modernes Weihnachten?“ Doch wo immer auch Zweifel aufkamen, wurden sie gleich von den jungen „Dynamischen“ ausgeräumt.

Als die Adventzeit begann, wurde eine riesige Werbekampagne gestartet. Überall auf der ganzen Welt stand in großen Lettern „Weihnachtsmann goes online“ Fernsehsender machten die Kinder darauf aufmerksam, das es ab jetzt die Möglichkeit der Schnellbestellung per Internet geben würde. Radiosender stellten die Vorteile der 24 Stunden-Eilbestellung in den Vordergrund Auf den veröffentlichten Bildern war der Weihnachtsmann nicht mehr mit seinem Schlitten und seinen treuen Rentieren abgebildet, sondern er saß hinter einer Tastatur um die Wünsche der Kinder entgegenzunehmen und wie man ihm erklärt hatte, mit einem Klick in Auftrag geben zu können.

Werbespots liefen durch die ganze Welt, Werbespots von einem modernen, mit der Zeit gehenden Weihnachtsmann. Ein Weihnachtsmann dessen Bart mit grünen und violetten Streifen durchsetzt war und dessen linkes Ohr von Piercings geschmückt wurden. Eben ein Weihnachtsmann der in diese neue schnellebige, elektronische Welt passen sollte. Ist schon ein Wunder, daß er seinen roten Mantel behalten durfte, wenn er auch von vielen Aufnähern verschiedenster Unternehmen, die „Dynamischen“ nannten sie Sponsoren, etwas verunstaltet war.

Alles war getan, so erklärten ihm die jungen Geschniegelten.. das Weihnachtsfest konnte kommen. Das Weihnachtsdorf war voll auf den zu erwartenden Ansturm an Bestellungen eingestellt und die Weltweit ausgesuchten Hersteller standen schon in den Startlöchern und sahen lächelnd ihrem zu erwartenden Profit entgegen

Nur noch zwei Wochen bis Weihnachten. An den Terminals der angelernten Handwerker kamen nur ab und an elektronische Wünsche der Kinder ein. Die Bestellformulare der Internetseiten blieben anscheinend unbeachtet. Ein jeder der Bewohner fragte sich warum.?. In den vorangegangenen Jahren, kamen schon viele Wochen vor dem Fest säckeweise die Wunschzettel der Kinder an. Es blieb Zeit die Wünsche der Kinder zu studieren, liebe Briefe an den Weihnachtsmann zu lesen, sich an den mühevoll gestalteten Bildern und den angebrachten Verzierungen zu erfreuen. Doch die erhofften Mails blieben aus.

Der Weihnachtsmann, der sich in der letzten Zeit immer mehr zurückgezogen hatte, um den unverständlichen, manchmal fast spöttischen Blicken seiner Getreuen zu entgehen wurde immer nervöser und unsicherer. Ist „Outsourcing“ vielleicht doch nicht das Zauberwort“ fragte er sich immer wieder.. während er die immer unruhiger werdenden Rentiere fütterte. Doch seine Bedenken wurden von den „Dynamischen“ beiseite geschoben. „Dies war zu erwarten..“ erklärten sie.. „ein Medium wie das Internet bedarf dieser langen Vorlaufzeiten nicht mehr..“ zerstreuten sie Ansätze von Selbstkritik.

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Noch eine Woche bis Weihnachten. Weiterhin nur spärlich erschienen auf dem Bildschirmen die Wünsche der auf Geschenke hoffenden Kinder. Doch was waren das für eigenartige Wunschzettel.. Namen und Adresse der Wünschenden, eine Liste der gewünschten Gegenstände gleich mit Bestellnummern versehen. Nicht ein liebes Wort, nicht eine Begründung warum sie dieses oder jenes Spielzeug haben wollten. Nicht eine schöne Verzierung, nicht ein schönes Bild wie auf den papierenen Wunschzetteln. Kein Gedicht.. nur Zahlen und Wunschlisten sprangen dem angelernten Terminalpersonal auf den Bildschirmen entgegen.

Beim allabendlichen Treffen der sonst so fleißigen Handwerker wurde Unmut und Besorgnis laut.
Unmut darüber, daß aus der Freude an der Arbeit ein billiges Ableisten geworden war. Besorgnis darüber, daß aus einem andächtigen Fest wie das Weihnachtsfest ein planbares, steriles „Das bestell ich mir“ geworden war wo kein Platz mehr für Träume und Hoffnung gegeben wurde.. Wo die Kinderaugen nicht mehr am Weihnachtsabend vor Erwartung glänzen konnten – hatten sie doch Online selbst die Bedienungsanweisungen der gewünschten Dinge schon lesen, jedes Detail schon studieren können.

Immer öfter war von den alten Handwerkern zu hören, daß sie beabsichtigten nach dem Weihnachtsfest das Dorf zu verlassen, da die moderne Zeit ein Weihnachtsdorf wie es bislang war, unnötig und fast Sinnlos machten. Waren sie doch gewohnt, mit ihrer Arbeit Begeisterung und Freude auszulösen.. selbst den größten Spaß an der Fertigstellung von Spielzeugen zu haben, mit ihrem handwerklichen Geschick tausende von Kindern begeistern zu dürfen.. und nun.. lange Listen.. anonyme Zahlen.. unpersönliche Daten und immer nervöser werdende „Dynamische“.. die gebannt mit starrem Blick auf spärliche Computerausdrucke schauten.

Auch drei Tage vor Weihnachten änderte sich nicht viel. Der zu erwartende große Ansturm blieb aus. „Ja hat denn kein Kind mehr Wünsche“ fragten sich nun auch die „Dynamischen“ während sie hektisch immer wieder alle Datenleitungen und Geräte überprüften. Nichts mehr von der weißen Pracht, die der Schnee jedes Jahr aufs neue produzierte war im Weihnachtsdorf übriggeblieben. Aus der schillernden Schneedecke auf den Wegen war durch das hektische hin- und herlaufen der Techniker und Fachleute ein nasser brauner Matsch geworden.

Damit ein guter Empfang der Antennen gewährleistet werden konnte, wurden schon im Vorfeld der Installation einige uralte Tannen gerodet, die nun das prächtige Bild der weißen Landschaft vergessen machten. Auch fiel auf, das außer aus dem Schornstein der ehemaligen Schmiede, kein Rauch aus einem behaglichem, knisternden Feuer die Esse verließ. Waren doch die einst so behaglichen Arbeitsstätten für die Terminals und alle die anderen EDV-Geräte mit Anlagen zur Klimatisierung ausgestattet worden. Die Tiere des Waldes hatten sich vorsichtshalber von dem betriebsamen Weihnachtsdorf zurückgezogen um tiefer im Waldesinnere wieder Ruhe finden zu können.

Dies alles beobachtete der Weihnachtsmann traurig und bereute es bereits dem Drängen der „Dynamischen“ nachgegeben zu haben. Am traurigen Blick seine Rentiere, insbesondere an den glasigen Augen seines getreuen Leittieres erkannte er, das aus der Vorweihnachtszeit nun auch die Vorfreude verbannt war und das Weihnachtsfest ein kaltes unpersönliches Bestellen und „Geliefert bekommen“ geworden war. Es blieb kein Raum für Herzlichkeit, Andächtigkeit und Besinnlichkeit. Weihnachten war zum Geschäft geworden, Puppen zu billiger Ware.. und er, der Weihnachtsmann zu einem Geschäftsmann, einem billigen Spielzeughändler..

Und dann plötzlich, 24 Stunden vor dem heiligen Abend – war es nicht so in den Medien beworben worden? – kamen die Wunschzettel der Kinder. Die Monitore standen nicht mehr still, die Drucker ratterten ohne unterlass. Tausende, abertausende von Mail gingen aus aller Welt ein. Überall an den Geräten blinkten die seltsamsten Lichter auf und die Spielzeugproduzenten ließen die Telefone heiß laufen, weil sie befürchten mußten der plötzlich einsetzenden Nachfrage nicht mehr herr werden zu können.

Es füllten sich die Datenbanken und schnell drohte eine Überlastung der Datennetze was man an der Panik in den Augen der „Dynamischen“ ablesen konnte. Verbindungen wurden auf und wieder abgebaut.. rasend schnell rasten die Bits und Bytes durch die Datennetze.. bis.. ja bis fast gleichzeitig ein dickes zermürbendes ERROR die Bildschirme zierte. Die installierten Server stellten ihr permanentes Summen ein und die Drucker verweigerten ihren Dienst und unverrückbar, fast wie in Stein gemeißelt leuchtete den „Dynamischen“ dieses unselige ERROR entgegen.

Ruhe war eingekehrt.. selbst den „Dynamischen“ hatte es die Sprache verschlagen und standen mit schweissgetränkter Stirn fassungslos vor dem alles sagendem ERROR. Ein vom Weihnachtsmann leise ausgestoßene „Oh Gott“ klang in diesen Moment in den sterilen Räumen wie ein Erdrutsch.. glich einem tosenden Inferno und schien tausendfach zurückzuhallen.
Hektisch wurde alles nochmals überprüft, die Zentralrechner erneut hochgefahren und versucht, erneut Anbindungen an die Datenleitungen zu bekommen. Die Techniker überprüften die letzten Protokolle und kamen gemeinsam zu dem Schluß.. ein Virus! Ein Weihnachtsvirus hatte alle gesammelten Daten zerstört.. Telefonische Nachfragen bei den Spielwarenherstellern und bei den Spediteuren ergaben, daß es auch sie getroffen hatte und ihr Maschinenpark zum stehen gekommen war.

Tief gebeugt und traurig verließ der Weihnachtsmann das Gebäude und ging zum Gehege seiner Rentieren. Einsam wurde er sich bewußt, dass es in diesem Jahr viele, viele Kinder geben würde, die zum Weihnachtsfest kein Geschenk entgegennehmen konnten. Kinder, die das Jahr über artig gewesen waren und eine Belohnung verdient hätten. Ausfallen, einfach ausfallen würde dieses Jahr das Fest der Erwartungen, das Fest der Hoffnungen.. Für viele Menschen in der Welt, würde nun auch diese letzte Hoffnung versiegen.. dieser letzte Zipfel der Wärme entgleiten.. das letzte Refugium der Mitmenschlichkeit entrinnen.. ein paar Bytes hatten das Weihnachtsfest zerstört.

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„War nicht ich es?“ dachte der Weihnachtsmann „der dem Weihnachtsfest des Sinnes beraubt hat?“ grübelte er. „Bin ich nicht dazu da, Anleitung zu geben und Richtung zu weisen, statt das Weihnachtsfest der Zeit anzupassen und damit den moralischen Umtrieben und Werteverfall preiszugeben..?“ zweifelte er. „Hätte ich es nicht in den Gesichtern meiner geschickten und warmherzigen Handwerker lesen müssen?“ sinnierte er Traurig in seiner Hoffnungslosigkeit.

Als der Weihnachtsmann wieder zu seinem Leitren Rudolf aufblickte, bemerkte er einen neuen eigenartigen Glanz in den Augen des ihm schon so lange treu dienenden Tieres. Unruhe und Hektik breitete sich vom Dorfkern aus.. er sah seine alten Gefährten, die Gewerkeleute rastlos hin und herlaufen. Jeder, auch die Gesellen machte sich fleißig Notizen und verschwanden eiligst in eines der ehemaligen Gewerkehäuser. Die Telefone des Dorfes standen nicht mehr still. Ein jeder rief seine Kollegen an, die er kannte und erklärte schnell die fatale Situation. Auch die Angerufenen hatten nichts eiligeres zu tun als wiederum Kollegen und Geschäftsfreunde anzurufen. Binnen kürzester Zeit waren alle Handwerker, Produzenten und Fuhrunternehmen auf der ganzen Welt über die aussichtslose Situation des Weihnachtsmannes, und dem drohenden Ausfall des Weihnachtsfestes informiert und sagten uneigennützig ihre sofortige Hilfe zu.

Unzählige Familienväter erinnerten sich nach langen Jahren wieder an ihre einstmals erlernten Fertigkeiten, machten sich eiligst auf in den Keller und kramten ihr Bastelzeug hervor. Mütter zogen sich mit geheimnisvollen Blicken in stille Ecken zurück und ließen die Nähmaschinen nur so rattern. Tausende Omas auf der ganzen Welt warfen die Backöfen an und in kürzester Zeit erfüllte wie schon früher der Geruch von Backwerk die ganze Wohnung.

Überall auf der Welt flogen die Hobelspäne, nahmen alte Spielsachen mit neuer Farbe einen seidigen Glanz an. Noch wenige Stunden bis zum Weihnachtsfest und es wurde fleißig repariert gespachtelt, bemalt und geformt. Überall auf der Welt gab es Kinder, die eine nie gekannte Strebsamkeit in ihrer Familie wahrnahmen und eine lange nicht gekannte Ungeduld ob dem nahenden Weihnachtsfest verspüren ließen. Wer genau hinschaute, hätte an diesem Tag auch die Veränderung in den Augen der Erwachsenen wahrnehmen können. Ein Glänzen, der dem Glanz in den Augen von Rudolf dem Rentier in nichts nachstand. Ein eigenartiger Glanz, der wiederspiegelte, was die Menschen spürten.. Zufriedenheit, Verbundenheit, Hoffnung und auch Stolz.. Sie hatten etwas wiedergefunden, was sie lange verloren glaubten.

Die Werkleute im Weihnachtsdorf waren derweil viel zu beschäftigt um noch daran zu denken, den Weihnachtsmann über die neueste Entwicklung zu informieren. In Windeseile produzierten auch sie mit den verbliebenen Rohmaterialien alle die schönen Dinge, die sie auch früher für die Kinder produzieren durften. Das kleine Sägewerk stand nun nicht mehr still und in der Glasbläserei fauchte wieder das Feuer. Nur noch wenige Stunden bis zum Weihnachtsfest.. aber sie konnten es schaffen.

Die Fachmänner oder auch Frauen, welche mangels Rohmaterial nichts mehr produzieren konnten, stellten sich am Telefon zur Verfügung um den vielen bastelnden Familienvätern und Müttern mit tricks und kniffen zur Seite zu stehen.

Derweil waren die Fuhrunternehmer auch nicht untätig, An vielen Orten der Welt wurden gleichzeitig ganze Konvois an LKWs von freiwilligen Helfern beladen und losgeschickt, Flugzeuge gestartet und Sonderzüge eingesetzt um die vielen Sachen auch in die entlegensten Winkel der Erde zu bringen.
Eigenartigerweise waren Worte wie Bezahlung und Profit an diesem Tage zu leeren Worten geworden. Ein jeder stellte zur Verfügung was in seiner Macht stand. Es war als wäre die ganze Erde von einem Virus befallen.. dem echten Weihnachtsvirus.

Im Weihnachtsdorf wurde der Weihnachtsschlitten festlich geschmückt und beladen. Die Rentiere konnten es kaum erwarten endlich vor die mit Päckchen beladenen Kufen gespannt zu werden um auch ihren Teil beitragen zu können. Beschämt und mit Tränen in den Augen machte sich der Weihnachtsmann auf um endlich diese grausigen Farben aus seinem langen Bart zu bekommen. Er zog den alten roten Mantel, der zum Glück noch in der Kammer hing über, trat vor die Türe des Weihnachtshauses und schaute voller Stolz auf sein Weihnachtsdorf, genoss die altbekannten Geräusche und den herrlichen Duft der ihm um die gerötete Nase strich.

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Kaum stand er da, wurde der Schlitten vorgefahren und der Weihnachtsmann bestieg das schwerbeladene Gefährt, erhob sich in die Lüfte um seine alljährliche Aufgabe zu erfüllen. Als er sich nochmals umschaute, um allen zum Abschied zu winken, hätte ein aufmerksamer Beobachter wieder Tränen in seinen Augen entdecken können. Aber es waren keine Tränen der Traurigkeit.. es waren feuchte Tropfen der Dankbarkeit gegenüber seinen treuen, nachsichtigen und geduldigen Weihnachtsdorfbewohnern.
Tränen die sobald sie die Baumspitzen der Tannen erreichten gefroren und wie ein Lichtermehr den ganzen nördlichen Weihnachtswald in ein strahlendes Meer tauchten.

Der heilige Abend kam mit schnellen Schritten herbei. In vielen Häusern sah man an diesen Abend Kinderaugen, die noch niemals so geleuchtet hatten. Natürlich hatte nicht jeder das bekommen, was er auf seinen Wunschzettel geschrieben hatte. Doch schien dieser Umstand bei den Kindern überdeckt zu werden, daß sie etwas ganz besonderes bekommen hatten.. eine echte Überraschung. Nicht immer waren die Geschenke vollkommen.. hier und dort gab es noch eine kleine Macke.. auch war an manchen Geschenken die Farbe noch nicht ganz trocken.. es konnte auch sein, das ein Stoffbär nicht ganz akkurat vernäht war, doch was war das gegen jenes, welches sie schon den ganzen Tag spüren durften..

In diesem Jahr, waren zum erstenmal seit vielen Jahren die Kirchen zur Christmette total überfüllt. Nachbarn und auch bis dahin Fremde schüttelten sich freudig die Hände und nahmen sich vor auch weiterhin aufeinander zuzugehen und zu Helfen wo sie helfen konnten.. hatten sie doch erfahren, das Hilfestellung geben für alle Beteiligten etwas positives hervorbringen kann. Hatten sie wieder einmal nach langer langer Zeit erfahren dürfen, daß Werte nicht von Preis und Einkommen abhängig sind, das man Werte nicht kaufen, ersteigern oder entleihen kann.. das Werte im Menschen selber ihre Heimat haben..

Es war das schönste Weihnachtfest, welches die Menschen seit vielen Jahren erleben durften und als der Weihnachtsmann sich spät in der Nacht auf dem Heimweg machte.. schneite es allerorten dicke Flocken und verwandelte Städte und Dörfer in eine prächtige Schneelandschaft, eine Landschaft voller Ruhe und Zufriedenheit. Oder passte sich die Natur der vorherrschenden Stimmung an?

Der Weihnachtsmann aber nahm sich vor, nie wieder dem Versuch zu unterliegen, das Weihnachtsfest der Zeit und der Gesellschaft anpassen zu wollen. Er war fest davon überzeugt, das nicht nur dieses Weihnachtsfest zum Inhalt hat, den Menschen die Menschlichkeit wieder bewußt werden zu lassen. Jedes Weihnachten ist ein Fest der Besinnung und vielleicht sollte es auch ein Fest der Rückbesinnung sein..

Zufrieden lehnte sich der Weihnachtsmann in seinem prächtigen Schlitten nach hinten.. trieb mit einem kehligen „Hohe.. hohee....“ die Rentiere zur Eile an – konnte er doch kaum die Rückkehr ins Weihnachtsdorf erwarten - und wußte.. das größte Geschenk was an diesen heiligen Abend geschenkt wurde.. das hatte der Weihnachtsmann erhalten..

Übrigens, bevor ich es vergesse zu Erwähnen...
Die „Dynamischen“ sprechen gerade heute beim Osterhasen vor um ihn von einem neuen, modernen Konzept zur optimierten Ostereierverteilung zu überzeugen.

Vielleicht.. oder besser gesagt, ganz bestimmt... werden die „Dynamischen“ auch vor deiner Türe stehen und dir den Weg zu einem rationelleren Leben weisen wollen.. nicht das etwas dagegen einzuwenden wäre. Doch bevor du Entscheidungen triffst, schau dir die Spitzen der Tannen in deiner Umgebung an – vielleicht entdeckst du auch dort einen schillernden Tropfen.. und er wird dir helfen.. das Richtige zu tun..

Copyright: Helmut Danek aka Jumperli

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