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Meine Vergangenheit

 

Meine Eltern & meine Kindheit

Eigentlich müsste ich ein Buch über meine ganze Vergangenheit und deren Geschichten schreiben, doch soweit kann es hier auf dieser Seite nicht kommen, daher versuche ich mich knackig zu halten, was mir nicht gelingen wird ;)

1978 war im Dezember nachts nach 00:31 Uhr ein riesiges Jubelgeschrei aus dem Kreissaal des Emmendinger Kreiskrankenhauses zu vernehmen, denn mein Vater hatte bekommen, was er sich so lange wünschte. Ich weiß nicht, ob es damals noch nicht möglich war, das Geschlecht des Kindes festzustellen, oder ob meine Eltern sich wissentlich dagegen entschieden, es zu erfahren, jedenfalls wussten sie es nicht und mein Vater hatte sich immer gewünscht, eine Tochter zu bekommen und sie sollte "so stark sein wie ein Mann".

Für damalige Verhältnisse sei gesagt, dass die Frauen an sich noch gerne einmal als etwas weicher bezeichnet wurden, und meines Vaters Wunsch war es, dass ich so hartnäckig und ehrgeizig in allem werde, was ich mache, wie man es zu dieser Zeit eher den Männern als dem Grossteil der Frauen zuschrieb. Ob er das bekommen hat, kann ich selbst nur ahnen, weil ich ihn leider nicht mehr fragen kann.

Doch ich glaube, ich habe mich für mich selbst bewiesen und kann fast schon guten Gewissens behaupten, dass ich so ehrgeizig geworden bin, wie er es sich gewünscht hätte.

Mutti bei meiner Taufe 1979

Vielleicht habe ich nicht wirklich erreicht, was er sich für mich vorstellte, aber zumindest ist mein Leben noch lange nicht vorbei und das kann alles noch kommen. Aber das gehört ja nicht in die Vergangenheit, so kommen wir lieber wieder zurück.

Papa bei der Arbeit in seinem Hotel Ochsen

Mein Vater hatte ein Hotel-Restaurant. Er war gelernter Metzger und führte als Koch und Wirt dieses doch recht gute Hotel, hatte zwei Kochlöffel [ähnlich wie die Sterne, mit denen man Hotels auszeichnet] für seine Küche und nebenher ein Kneipe mit Kegelbahn und zusätzlich das Schwimmbadkiosk des Dorfes unter seinen Fittichen.

Mein Vater war ein Multitalent. Neben all diesen hauptberuflichen Tätigkeiten, war er Gemeinderatsmitglied, bei der freiwilligen Feuerwehr und Vorsitzender einer Restaurantgruppe, deren Namen ich nicht weiß. In einem Dorf mit heutig 12.000 Einwohnern war es also für mich von Anfang an ein Bekanntsein, wie man es einem bunten Hund zuschreiben würde.

Er fuhr nach meiner Geburt und dem Ausruhen meiner Mutter zur Kneipe mit der Kegelbahn und freute sich so sehr, dass er Sekt an alle Gäste verteilte.. aber erst nachdem er sie davor mit diesem nassgespritzt hatte. Meine Mutter erzählte mir später, dass er die Reinigungsrechnungen noch ein Jahr danach abbezahlen musste *lach* Ich war also ein reines Wunschkind meines Vaters.

Doch nicht nur das meines Vaters, sondern auch das meiner Mutter. Sie lernten sich in Spanien kennen. Meine Mutter kommt aus Finnland und arbeitete damals in einer Versicherungsgesellschaft der FinnAir [Finnische Fluggesellschaft], somit bekam sie immer günstig Flüge und nahm diese auch mit ihrer besten Freundin und Arbeitskollegin Tuula in Anspruch. Wer würde das nicht :)

Diesmal führte sie also der Weg nach Spanien. Tuula und meine Mama waren abends in einer Bar, in der der Anteil der Männer höher war, als der Anteil der Frauen. Ob meinem Vater meine Mutter auch aufgefallen wäre, wenn es anders gewesen wäre, weiß ich nicht, aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass sie eine wunderschöne Frau war. Wenn ich mal einen Scanner besitzen sollte, werde ich ein paar Bilder einscannen oder einfach auch noch mal meinen Bruder anhauen.

Jedenfalls kam es so, dass mein Vater meine Mutter zum Tanzen aufforderte und sie unterhielten mehr schlecht als recht, weil mein Vater nicht wirklich gut Englisch sprach. Aber da sein bester Freund Fritz mit auf Palma de Mallorca war, konnte dieser zumindest vermitteln. Ab diesem Abend trafen sie sich die beiden letzten Tage, die mein Vater noch dort war, wieder. Als er abflog, hatten sie schon Nummern ausgetauscht, aber keiner wusste vom anderen, dass er eigentlich noch verheiratet war. Mein Vater hatte eine kinderlose Ehe und einen Sohn aus einer Affaire und meine Mutter lebte noch in einer Ehe, die bald zuende gehen sollte. Aus dieser kamen zwei Söhne.

Als meine Mutter kurz nach ihrem Urlaub in Spanien nach Frankfurt flog, fuhr mein Vater extra wegen ihr mit dem Auto dorthin, um sie zu sehen. Sie hatte - soviel ich weiß - nur Zwischenstopp und flog auch am gleichen Abend wieder zurück nach Finnland, doch die Flamme in ihren Herzen war entfacht und meine Mutter sagt heute noch, dass er ihre große Liebe war und auch mein Vater war über beiden Ohren in sie verliebt, bis zum Schluss, aber soweit sind wir noch nicht.

Sie trafen sich immer mal wieder in verschiedenen Ländern, mein Vater rief sie sehr oft an, auch bei der Arbeit, schickte ihr Unmengen an Blumen und Geschenken, schrieb Briefe mit Hilfe seines Freundes Fritz auf Englisch und irgendwann trennte er sich von seiner Frau durch die Scheidung, was meine Mutter aber immer noch nicht wusste und erst später erfahren sollte. Auch meine Mutter ließ sich scheiden und es kam dazu, dass sie auf einer ihrer vielen Reisen, die sie miteinander machten, um sich sehen zu können, meine Mutter schwanger wurde. Es muss um die Osterzeit gewesen sein, wenn ich richtig zurückrechne. Meine Mutter meint, es sei ein Ostersonntag gewesen, aber sicher kann sie das wohl auch nicht mehr sagen.

Meine Mutter gab in Finnland alles auf und zog nach Deutschland zu meinem Vater. Hochschwanger heirateten sie dann im Standesamt in Deutschland und später noch einmal kirchlich in Finnland. Da war ich dann aber schon geboren und bei meiner Großmutter mit Babysitter untergebracht. Mutti lernte sehr schnell deutsch und wurde die Wirtin im Hotel Ochsen.

Ich glaube, ich habe mit meinen Eltern das glücklichste Leben in den ersten 8 Jahren verbracht, das ein Kind sich wünschen kann. Niemals gab es Schläge, nicht einmal und ich wurde als Nesthäkchen wohl auch etwas zu sehr verhätschelt.

Zwar hatten meine Eltern durch das Restaurant sehr wenig Zeit für mich und ich lernte sehr schnell, selbständig zu agieren, was zu Folge hatte, dass man mir später nicht mehr viel sagen konnte, aber ich denke, ich habe generell die richtigen Entscheidungen getroffen, auch wenn ich heute denke, dass ich vieles anders hätte machen können, um es jetzt leichter zu haben, aber das lag nicht wirklich an meiner Kindheit, sondern an dem, was danach kam. [Schachtelsatz... *lol*]

Hotel Ochsen in Teningen

Mein Vater wollte mir die ganze Welt zeigen. Immer wieder hat er das gesagt und wir sind auch zwei Mal im Jahr in den Urlaub geflogen. Im Sommer nach Finnland zu meiner Familie mütterlicherseits und im Herbst nach Spanien oder auch mal Jugoslawien [damals zumindest war es noch Jugoslawien].

Ich habe von meinen Eltern, vornehmlich von meinem Vater, sehr, sehr viel gelernt. Beide haben sie mein Verlangen nach Kunst gestillt und gefördert. Wo wir auch waren, meine Mutter hatte vorgesorgt und mich konnte man sehr, sehr einfach mit Stift und Papier glücklich machen und vor allem ruhig stellen, "wenn die Erwachsenen sich unterhalten". Allerdings wurde mir der Mund nie verboten, ich wurde ernst genommen, auch wenn ich oftmals einen Rüffel bekam, weil ich keine Geduld hatte und niemals jemanden ausreden lassen wollte. Doch ich weiß noch, wie fasziniert und stolz ich war, habe ich mal etwas gesagt und die "Erwachsenen" sprachen und diskutierten dann darauf hin zu diesem Thema. Was es war, weiß ich leider heute nicht mehr, aber irgendwie schien es immer ein guter Gesprächsstoff zu sein und ich weiß, dass ich mich sehr ernstgenommen fühlte.

Mein Vater brachte mir bei, wie ich mit einem Photoapparat umzugehen hatte und er schenkte mir, als ich mit einer befreundeten Familie an die Ostsee fuhr, einen weinroten, ganz eigenen und echten Photoapparat. Ich muss etwa 7 oder 8 Jahre alt gewesen sein. Als ich die Bilder nach den Ferien entwickelt vorzeigte und ein Bild darunter war, das ich von Gleisen gemacht hatte und an dessen Seite ein Margeritenbusch gewachsen war, erklärte mir mein Vater, dass ich dann in die Mitte den Busch machen solle, wenn ich die Blumen als Hauptmerkmal photografieren wollte. Nun ja.. das wollte ich eigentlich auch, aber ich weiß, dass ich sagte, ich habe die graden Linien von den Gleisen photografieren wollen. Ich glaube er hat sehr gelacht und sich an meiner Aussage gefreut..

Das schlimmste im Leben ist, wenn man jemanden verliert, der einem so viel bedeutet hat, wie mein Vater mir bedeutet hat. Noch schlimmer finde ich fast, dass ich mich heute gar nicht mehr an seine Stimme erinnern kann. Ich kenne sein Lachen, sehe es vor mir, aber ich höre die Stimme nicht dazu. Er hat mir abends sehr oft vorgelesen. Wir saßen im Flur auf dem Boden und dort hat er mir vorgelesen aus den Büchern von Wilhelm Busch - Max und Moritz. Es waren Originalbände, die ich heute noch besitze. Oft war es aber auch Struwwelpeter in diesem altbackenen und weitbekanntem gelben, dünnen Buch.

Papa, Mama & ich

Generell weiß ich noch sehr viele Kleinigkeiten und ich möchte sie alle auch noch einmal getrennt niederschreiben, denn ich habe doch irgendwie Angst, dass ich auch diese irgendwann vergessen werde, wie ich seine Stimme vergessen habe..

Wir mussten, als ich 8 Jahre alt war, umziehen. Es war die Zeit, in der es viele Flüchtlinge gab und jedes Hotel die Verpflichtung hatte, diese aufzunehmen. Natürlich taten meine Eltern das gerne, doch die Einnahmen sanken in die roten Zahlen und es war nur noch möglich, das Hotel zu verkaufen. Die Kneipe und das Kiosk hatte mein Vater schon lange vorher verkauft, weil er mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wollte. Nun musste es auch das Hotel Ochsen sein.

Mit seinem Verkauf würden sie komplett schuldenfrei raus kommen und konnten von Null anfangen, was für ein solches Geschäft wirklich nicht das schlechteste war. Ich weiß, dass ich sehr geweint habe und auch meiner Oma ging es nicht gut. Wir haben versucht, uns gegenseitig Trost zu spenden, hielten uns auf der Bank zwischen Tisch 6 [Mitarbeitertisch in der Pause] und Tisch 7 [Mein Tisch, den ich zu Mittag mit meinem Opa teilte und zusammen mit ihm Flädlesuppe ass] fest im Arm und heulten.

Mein Vater pachtete im nahegelegenen Emmendingen eine Weinstube, die auch ein paar Zimmer hatte. Es war vielversprechend, man hätte einiges daraus machen können, aber hierzu gleich mehr. Mein Vater war sehr krank, schon seit ich 4 oder 5 Jahre alt war. Ich wusste nicht, was es war. Ich war zu klein, um es zu begreifen, aber ich wusste, ich durfte nicht auf ihn zurennen und ihm auf die Arme springen, weil sein Bauch weh tat. Ich erfuhr erst Jahre nach seinem Tod, dass er Magenkrebs hatte und sich keineswegs schonte, was Alkohol und Zigaretten anging. Ich bin froh, dass ich das alles nie mitbekommen habe.

Für mich war mein Vater ein Heiliger, er tat nie jemandem böses zu leide und er war Gentleman durch und durch und dazu eben der beste Vater der Welt. Es gab eine Zeit, in der ich nicht wahrhaben wollte, dass er - wenn er mit dem Trinken und den Zigaretten aufgehört hätte - noch eine Chance gehabt hätte oder zumindest sein Leben hätte verlängern können.

Ich habe ihn nur einmal in der Wohnung nach dem Umzug gesehen. Den Rest des Jahres [über 300 Tage] verbrachte er in seinem letzten Jahr im Krankenhaus. Meine Oma erzählte mir später, dass er schon einige Zeit vor dem Umzug einmal zu ihr sagte: "88 ist mein Jahr...", sie wusste nicht, was er meinte, fragte noch einmal nach, doch er winkte ab. Heute wissen wir, dass er es schon lange vor uns wusste. Er wusste, dass er sterben musste und hatte wohl im Gefühl, dass er 1988 sterben würde.. wie es wirklich geschah..

Ich hab ihn nicht oft besucht im Krankenhaus. Für mich gab es den Tod meines Vaters nicht als Thema. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass er sterben würde. Erst ein Jahr zuvor war mein Opa gestorben. Ich saß da mit einer Freundin im Frühstückszimmer der Gäste und aß mit ihr SchniPoSa. Mein Opa lag im Krankenhaus und als sie mich fragte, wie Kinder hin und wieder so fragen: "Meinst Du Dein Opa wird sterben?".

Ich bestritt das vehement und erklärt, dass niemals mein Opa sterben würde.. es waren keine 10 Minuten, als danach meine Mutter reinkam und sagte, mein Opa sei gestorben. Für mich brach alles zusammen und ich heulte wie auf Knopfdruck. Das ist jetzt vielleicht eine recht unpassende Beschreibung, aber ich führe sie so an, weil ich beim Tod meines Vaters überhaupt nicht weinte. Zumindest dauerte es sehr lange, denn das einzige, das ich sagen konnte, war: "Ich wollte doch gerade E.T. schauen". Den Film konnte ich dann erst Jahre später anschauen..

Meine Erinnerung an die Jahre nach dem Tod meines Vaters und vor allem die kurze Zeit darauf, wie es mir ging, was ich fühlte oder dachte.. das alles ist mir leider nicht mehr in Erinnerung. Ich denke, der Schmerz war einfach zu gross, so dass ich das verdrängte.

Meine Mutter stand dann auf einmal allein da. Sie hatte die Weinstube und hätte etwas draus machen können, doch sie stürzte sich in den Alkohol. Es ging schleichend und ich weiß leider nicht mehr, wann mir klar war, dass sie ein Problem hatte, denn ich habe erst mit 13 Jahren begonnen, Tagebuch zu schreiben, aber schon auf den ersten Seiten ist zu lesen, dass ich es wusste. Und damit begann meine wirklich schöne Kindheit ein schnelles Ende zu nehmen.

Meine Mutter behandelte mich immer fair und voller Liebe. Sie hatte eine offene Erziehung und ich bin froh darum, denn als sie einmal in einer Phase begann, mich zu erziehen, in dem sie mir dies oder jenes verbieten wollte, blockte ich ab. Ich sagte ihr ins Gesicht, dass sie damit etwas spät käme und ich mir nichts mehr sagen lasse. Das war eben in der Zeit mit 13 Jahren, aber sie hat begriffen. Ansonsten war unser Verhältnis zueinander aber recht gut. Wir verstanden uns mehr wie Freundinnen als wie Mutter und Tochter, auch wenn es übliche Auseinandersetzungen gab, die man nun mal im pubertären Alter so mit seiner Mutter hat.

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Meine Jugend

Meine Therapeutin sagte Jahre später zu mir, dass sie Hochachtung vor meiner Leistung hätte. Ich sehe es bis heute nicht so, denn für mich war es einfach "normal", dass ich mit 13 Jahren hinter der Theke stand, alles organisierte und mich um den richtigen Ablauf im Restaurant kümmerte, weil meine Mutter betrunken am Stammtisch saß. Ich habe es gut auf die Reihe bekommen und war mir im Klaren darüber, dass ich das besser konnte, als meine Mutter.

Wenn ich Fragen hatte, wandte ich mich telefonisch einfach an meine Oma und gut war. Generell muss ich sagen, bin ich sehr froh um diese Erfahrungswerte.

Sirpa mit 14 Jahren

Ich bekam durch die Arbeit gutes Taschengeld und konnte sagen, dass ich mir das selbst verdient habe, was andere in dem Alter noch nicht konnten. Allerdings habe ich dieses Geld nicht zusammenhalten können. Ich habe nie gelernt, mit Geld umzugehen und so war es genauso schnell wieder ausgegeben, wie ich es in den Händen gehalten hatte. Meist ging es für LEGO drauf. Ich weiß auch nicht, warum genau, aber ich habe mir immer Legosteine gewünscht, wie sie sie eine Freundin von mir hatte.

Es waren die ganz normalen, bunten Steinchen ohne irgendwelchen Firlefanz. Ich wollte einfach Häuser bauen. Heute könnte ich mir vorstellen, dass ich mir einfach meine Kindheit kaufen wollte und mir ein Zuhause schaffte mit diesen Häusern. Außerdem liegt es mir generell wohl in den Genen. *lach* Denn meine beiden Onkel und mein Großvater haben Schreiner gelernt und dass ich später auch in diese Branche ging, verwundert mich eigentlich nicht.

Mit 14 Jahren war meine Mutter am Ende und auch so in Schulden verstrickt, dass sie die Weinstube aufgeben musste. Sie war einfach kaputt, wurde von heute auf morgen obdachlos und ich kam zu meiner Großmutter, die genau 60 Jahre älter war als ich. Ich konnte mich sicherlich anpassen, aber generell waren Schwierigkeiten vorprogrammiert. Vor allem, als die Sache mit den Jungs los ging.

Mein erstes Mal hatte ich schon mit 13 und ich war auch generell nicht so "prüde" veranlagt wie viele im Dorf, in das ich ja wieder zurückgekehrt war mit dem Einzug bei meiner Oma. Ich schlich mich nachts oft aus dem Haus und ging ins Juze [Jugendhaus/ Jugendzentrum]. Ich ging in Discotheken, wenn ich bei meiner Mutter übernachtete [sie wohnte teilweise im Obdachlosenheim und hatte dann einen indischen Freund, der mit ihr soff und ich schlief mit ihr und etwa 20 Indern in einem Raum, wenn ich unbedingt mal wieder ausgehen wollte und das von meiner Oma aus nicht konnte].

Meine Mutter bewahrte mich nicht davor und ich war fest im Glauben, dass mir ja nichts passiert und dann passierte es doch, was vorauszusehen gewesen war. Ich wachte einmal in einem der Etagenbetten nachts auf [meine Mutter lag im Bett nebenan und schlief ihren Rausch aus], als ich einfach nur Hände auf meinem Busen fühlte. Ich schob sie beiseite und da waren sie wieder... ich bin aufgestanden und in das obere Bett der Etage über meiner Mutter gelegen und hatte die restliche Nacht Ruhe. Meine Mutter glaubte mir nicht, als ich ihr das erzählte. Ich bin heute nicht einmal sicher, ob sie es nicht wusste, denn ihr Freund hatte sie selbst schon für 20 Mark an andere Inder verkauft und damit gedroht, mir etwas anzutun, wenn sie es nicht mit sich machen ließe. Ich erfuhr davon erst Jahre später.

Auch war da ein Inder, mit dem ich mich eigentlich recht gut verstand. Wir waren Freunde geworden, so dachte ich zumindest in meinem jugendlichen Leichtsinn. Er sagte einmal, er wolle mit mir schlafen. Sein Deutsch war gebrochen und ich sagte ihm, dass ich gerne einmal bei ihm übernachten würde, aber ich wolle nicht MIT ihm schlafen. Er nickte. Ob er mich verstanden hatte, weiß ich bis heute nicht. Ich glaube nicht.

Als ich diese besagte Nacht dann bei ihm war, gab er mir harten Alkohol zu trinken. Warum ich so dumm war.. ich weiß es bis heute wirklich nicht. Wir knutschten rum, dann wollte ich schlafen, doch er war in einer Position über mir, dass nicht mehr viel brauchte und als ich ihn in mir fühlte, habe ich ihn einfach weggestoßen. Er hat weiteres gelassen und es war niemals Gewalt im Spiel und dennoch.. ich hatte es nicht gewollt und es war definitiv mit ein Grund, dass ich viele Alpträume hatte und große Probleme mit meiner Sexualität bekam.

Ich weiß heute, dass es eine Vergewaltigung war, wenngleich sie nicht brutal war und auch nicht komplett vollführt war, aber durch den seelischen Schaden, den ich heute noch mit mir rumtragen muss, ist es definitiv so, auch wenn ich immer noch Ausreden finde und sage, dass er es einfach nicht wusste... im Endeffekt weiß ich doch, dass es geplant war. Der Raum war leer, alles war vorbereitet, alle anderen nicht im gleichen Raum, der Alkohol... alles.. ich wollte es nicht...

Die nächsten Jahre verbrachte ich damit, mich selbst dazu zu zwingen, mit Männern zu schlafen. Egal wer, Hauptsache, er gefiel mir. Nicht wenig oft hatte ich Nervenzusammenbrüche danach und immer wieder bildete ich mir ein, dass ich diese Jungs wirklich gern hatte oder gar verliebt in sie war. Mit 16 zog ich bei meiner Oma aus. Ich wollte ins Heim, weil es einfach nicht mehr ging, aber das Jugendamt glaubte, ich könne eine eigene Wohnung nehmen, nachdem sie eingehend alles geprüft hatten und auch Rücksprachen hielten.

Ich denke, ich hätte das auch sehr gut hinbekommen, wenn ich nicht einfach ein riesiges seelisches Problem gehabt hätte, dass sich erst in einer Art Kaufsucht äußerte und danach zu einer Esssucht wechselte. Ich fraß mich von 70 auf 130 kg. Die ganze Zeit über hatte ich einen Freund. Ich war sogar mit ihm verlobt. Heute bin ich sehr dankbar, dass er mich hat aushalten können, denn ich war aggressiv und bestimmend, habe Intrigen gesponnen, nur um mir die Leute vom Hals zu halten, ich brach die Schule ab, ging am Ende überhaupt nicht mehr aus dem Haus, weil ich Panik vor den dummen Sprüchen hatte und er? Er blieb bei mir, ließ sich das alles gefallen und ich kann heute leider nicht mehr tun, als zu sagen, dass mir das alles unendlich leid tut. Ich hätte mich nicht ertragen und es war weitaus schlimmer, als ich das hier jetzt beschreiben könnte.

Nur sehr wenige Freunde blieben mir, auch diesen bin ich sehr dankbar, dass sie diese Zeit mit durchstanden. Sie konnten nichts tun, aber sie gingen auch nicht und ohne sie hätte ich wohl lange keinen Sinn mehr in meinem Leben gesehen.

In dieser Zeit starb auch meine Oma. Ich hatte sie sehr geliebt. Vielleicht konnten wir nicht mit einander leben, weil der Altersunterschied zu groß war, aber ich habe sie unendlich geliebt und nach meinem Auszug damals, war es einfach besser für uns beide. Wir verstanden uns wieder super und ich war einmal die Woche bei ihr. Mein Onkel starb ein Jahr vor ihr an Lungenkrebs. Sie hat den Tod ihres zweiten Kindes einfach nicht verkraftet und ich habe ihren noch nicht einmal wirklich bearbeitet und verdränge weiterhin, dass sie nicht mehr da ist..

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Das Erwachsenwerden bis heute

Das alles verlief von meinem 16. bis zu meinem 19. Lebensjahr. Mit 19 Jahren endlich, brachte mich ein Heft der BARMER dazu, zu erkennen, dass ich eine Essstörung hatte und ich wandte mich an meinen jahrelangen Hausarzt, der mir sofort auch einen Platz in einer Klinik Schwedenstein bei Dresden besorgte.

Meine Mutter hatte mittlerweile eine Wohnung, die sie verkommen ließ, einen anderen Freund, der mit ihr soff und ich versuchte immer noch dem Glauben nachzuhängen, ich könne ihr tatsächlich helfen. Es war eine schwere erste Zeit in der Klinik, denn ich durfte zwei Wochen keinen telefonischen Kontakt mit zuhause haben, aber es war gut und ich lernte sehr schnell, dass ich nichts für meine Mutter tun konnte und dass ihre Alkoholsucht mit der größte Auslöser für meine Essstörung war.

Die Erfolge, die ich aus psychischer und auch körperlicher Sicht in der Klinik hatte, gaben mir Kraft und den Willen, wieder weiter zu leben. Ich konnte nicht alles bearbeiten, denn damals wollte ich noch nicht wahrhaben, dass ich eine Vergewaltigung erlebt hatte. Immer wieder dachte ich mir, dass es ja keine Gewalt war und dass er doch aufgehört hatte, als ich nicht wollte und... die drei Monate in der Klinik gingen rum, bevor ich wirklich begriff, dass eben auch dieses Problem noch zu bearbeiten gewesen wäre.

Klinik Schwedenstein

In diesen drei Monaten habe ich soviel gelernt, dass es für ein ganzes Buch selbst ausreichen würde. Das wichtigste möchte ich hier einmal anführen, vielleicht werde ich einmal einen Text darüber extra verfassen, denn das wäre hier einfach zu umfangreich und ich weiß schon jetzt, dass die wenigsten diesen Text bis an diese Stelle lesen, denn ich bin schon auf Seite 6... wollte ich mich nicht kurzfassen? Komisch, dass ich das Gefühl habe, dass noch so viele Dinge fehlen. Im Endeffekt würde ich gern noch viel ausführlicher schreiben, denn es fehlen wirklich viele Dinge, aber ich muss mich wohl auf das wichtigste beschränken.

In der Klink wurde mir vor allem eines klar: Ich musste den Kontakt zu meiner Mutter abbrechen, wenn ich gesund werden wollte und das tat ich dann auch. Ich wollte es über die Klinikzeit so halten, aber es wurde im Endeffekt dann länger, denn meine Mutter wollte das nicht wahrhaben, dann kam ihr Sauffreund daher und meinte, die Postkarte die ich mit der Klinik als Photo geschickt hatte, sei ein Gefängnis. Sie glaubte das auch noch und erzählte das im Dorf herum...

Ich habe es erst nach meiner Rückkehr erfahren, weil meine Tante mich darauf ansprach und nachfragte, ob das stimme. Ich war sauer.. enttäuscht.. traurig und verstand einfach nicht, wie meine Mutter das hatte tun können. Sie hatte zudem behauptet, ich sei wegen Drogen und Prostitution im Gefängnis gewesen... nichts davon ist wahr. Ich habe mich weder prostituiert, noch habe ich Drogen genommen oder verkauft noch war ich im Gefängnis. Ich konnte es einfach nicht glaube. Ich habe sie zur Rede gestellt, aber es kamen nur Ausreden und ich brach den Kontakt gänzlich ab.

Auch lernte ich in der Klinik etwas über mich selbst. Etwas, das meinen weiteren Lebensverlauf bestimmen sollte... ich verliebte mich in ein Mädchen. Ich brauchte nicht lange, um das zu akzeptieren und auch wenn sie generell ein anderes im Augen hatte, so hatte ich doch eine sehr wertvolle Erfahrung und glaubte fortan, dass ich einfach bi sei. Nun gut. Bin ich bi.. die ganze Welt steht mir offen *breitgrins* zumindest dachte ich so über ein Jahr lang.

Als ich von der Klinik zurückkam, löste ich die Verlobung zu meinem Freund und tobte mich aus. Aber nicht mit Frauen, sondern mit Kerlen. Nun.. wieder die Depressionen danach. Immer wieder. Es war einfach nicht das, was ich wollte. War es nie. Als ich dann zum ersten Mal etwas mit einem Mädchen hatte, wusste ich definitiv, was ich denn wirklich wollte.. und mir wurde sehr schnell klar, dass ich nicht hetero und auch nicht bi war, sondern nur und gänzlich Frauen wirklich lieben konnte.

Ich bin niemand, der groß einen Hehl aus so etwas macht und ging sehr offen damit um. Zu dieser Zeit hatte ich schon seit ein paar Monaten einen schwulen besten Freund und der war mir generell eine sehr große Hilfe. Wir hatten eine sehr schöne gemeinsame Zeit miteinander, hatten viel Spaß und haben viel erlebt. Irgendwann lebte es sich auseinander, was mir sehr nachging, aber es ging einfach nicht mehr. Ich merkte hier, dass einen besten Freund zu verlieren, schlimmer als jeder Liebeskummer war...

Nach der Klinik hatte ich die Schule zuende gemacht. Leider habe ich es nicht bis zum Abi abwarten wollen oder können, weil ich Geld verdienen musste und so bewarb ich mich, arbeitete in der Zeit dann auch nebenher und als ich dann meine Ausbildungsstelle bei IKEA bekam, war ich überglücklich.

In meinem Leben waren mir in dieser Zeit nur ein paar wenige Dinge wichtig: Meine Ausbildung, meine Clique, das Atlantis [Stammdiskothek, in der ich dann mittlerweile auch nebenher arbeitete] und sonst nichts.
Atlantis Herbolzheim

Ich hatte in dieser Zeit dann auch endlich meine erste, wirklich feste Freundin [Es gab einige dazwischen, doch diese konnte man so nicht bezeichnen]. Leider war es nicht das richtige und ich hätte das eigentlich von Anfang an wissen sollen oder habe es wohl auch gewusst, nur wollte ich es nicht wahrhaben. Nach 10 Monaten konnte ich dann endlich meinem Entschluss, Schluss zu machen, standhalten. Vorher hatte sie mich immer wieder dazu gebracht, nachzugeben. Ich hatte eine schöne Zeit mit ihr, aber irgendwann stritten wir uns mehr, als dass wir uns verstanden und wir waren uns einfach zu ähnlich oder auch zu verschieden, als dass es hätte gut gehen können.

Auch konnte ich in dieser Zeit einen kleinen Freundeskreis aufbauen, als die Clique sich langsam in alle Himmelsrichtungen verstreute, was mir sehr weh tat. Von diesem Freundeskreis sind die besten Tim und Björn geworden. Wir hatten soviel gemeinsam und wir verstanden uns fast ohne zu sprechen. Es ist unbeschreiblich, wie tief diese Freundschaft ging und wie viel sie mir bedeutete und heute noch bedeutet.

Tim und ich zogen zusammen als WG, ich brachte ihn als AZUBI auch bei IKEA rein und wir hatten eine sehr harmonische und schöne Zeit. Irgendwann dann, hatte er einen Freund und ich lernte Neve kennen. Wir lebten uns nach zwei Jahren vollkommen auseinander, obwohl wir immer noch ohne Worte kommunizieren konnten. Es war dennoch einfach nicht mehr dasselbe, was wohl an beiden Seiten lag.

Ich habe Fehler gemacht und er zog sich zurück und er hat Fehler gemacht, die ich einfach so nicht akzeptieren konnten und mich weg drängten, was ich dann aber erst merkte, als er tatsächlich auszog, um seine erste eigene Wohnung zu nehmen. Da ich mit Neve zusammenziehen wollte, war das dann in Ordnung. Erst wollten wir eine Dreier- oder gar eine Vierer-WG machen, aber Tim traf die richtige Entscheidung, in dem er einfach sein eigenes Ding durchziehen wollte. Heute weiß ich das, damals tat es sehr weh.

Die Freundschaft mit Tim ist zwar noch da, aber sie ist sehr abgekühlt. Es tut fast weh, dass es so ist, aber wir werden sehen, was in den nächsten Jahren ist. Im Augenblick geht jeder seiner Wege und wir sehen uns vielleicht 2 oder 3 mal im Jahr. Es ist in Ordnung und sicher auch besser so. Zumindest für unsere momentan etwas angespannte Lage. Mit Björn ist der Kontakt immer noch da. Dieser ist mal mehr, mal weniger, aber im Augenblick möchte ich ihn doch als meinen allerbesten Freund bezeichnen.

Ich habe vor einigen Jahren sehr scharf aussortiert und verstanden, was Freundschaft eigentlich ist und es sind nicht sehr viele Leute übrig geblieben, die ich auch wirklich einen Freund bezeichnen möchte. Drei von ihnen wohnen zudem sehr weit weg und die anderen haben alle ihr eigenes Leben, so wie ich, so dass nicht mehr so gross der Kontakt da ist, aber wenn, dann ist es, als wäre nie eine Pause dazwischen gewesen...

Vor wenigen Jahren habe ich auch wieder Kontakt zu meiner Mutter aufgebaut. Durch den Alkohol hatte sie einen schweren Schlaganfall und ihr Gehirn ist zu einem Grossteil beschädigt, so dass sie sich an sehr viele Dinge nicht mehr erinnern kann, glücklicherweise fast nur an die wirklich schlechten Dinge, die ich ihr auch ersparen möchte. Sie hat das Trinken aufgehört, weil ihr gesagt wurde, dass das nicht gut für sie sei, und durch die Schäden im Hirn konnte sie das sehr gut unterbringen und hat seit dieser Zeit keinen Tropfen mehr getrunken.

Sie ist nicht therapiefähig durch die Schäden und hat Epilepsie, wohnt in einem Betreuungsheim und es geht ihr gut soweit. Sie ist eine Freundin für mich geworden und sie hat verdammtes Glück gehabt. Ich hoffe, sie bleibt mir noch lange erhalten. 2004 hatte sie ihren 60. Geburtstag und hat im Heim einen sehr feinen Kerl kennengelernt - Wolfgang - der sie abgöttisch liebt. Er ist ein paar Jahre älter als sie und sie haben vor, vielleicht noch einmal zu heiraten.. es ist schön, dass zumindest hier eine Art HappyEnd entstand.

Soviel zu 26 Jahren Vergangenheit *lächel* Ist noch wer da?

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