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[- Kapitel IX - Nicht wirklich tot-]

 

2001-02-22

Nun ist es schon bald 13 Jahre her, als mein Vater starb. Gestorben nach knapp 5 Jahren sterben. Ich war nicht ganz 10 Jahre alt gewesen. Nun bin ich 22 und es kommt mir nicht annähernd so vor, als müsse ich weit, so weit zurückdenken, wie es in Wirklichkeit ist.

Alles in meiner Vergangenheit scheint mir wie ein schon oft gelesenes Buch, schon sehr oft betrachtetes Bild in meiner Erinnerung. Alles scheint sich gar nicht wirklich in meinem Leben abgespielt zu haben. Nichts, bis auf den Tod. Vor allem der Tod meines Vaters. Den Tod meines Großvaters habe ich noch bruchstückhaft klar in Erinnerung.

Papa Robert & kleine Sirpa

Ich weiß noch genau, dass eine Freundin bei mir zu Besuch war. Ich war etwa 8 Jahre alt und wir saßen im Gästefrühstückszimmer unseres Hotels und aßen SchniPoSa (Schnitzel, Pommes & Salat) mit Ketchup. Zu allem wollte ich immer Ketchup haben. Der Fernseher lief nebenher, doch an die Sendung könnte ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Ich sagte noch zu meiner Freundin in kindlicher Naivität, mein Opa würde nicht sterben. Niemand in meiner Familie würde je sterben, und auch mein Opa nicht, obwohl er im Krankenhaus lag.

Ich weiß nicht, wie ich darauf kam, dass überhaupt jemand stirbt. Niemand war je gestorben, bis auf meine Tante, von der ich meinen Namen bekommen habe. Als sie starb war ich 4 Jahre alt gewesen und ich war mit meiner Mutter auf der Beerdigung in Finnland. Ich kann mich nicht erinnern, ob mein Vater dabei gewesen ist oder wie die Kirche aussah oder was wir davor oder danach getan hatten. Das einzige, das hängen geblieben ist, ist der ganze weiße Schnee, der dort in tiefer Pracht lag. Mehr weiß ich davon nicht mehr. Und dieses Ereignis war mir auch nicht im Kopf gewesen als ich meiner Freundin richtiggehend einreden wollte, dass nie nicht mein Opa sterben würde, nur weil er im Krankenhaus läge.

Kurz darauf, ich weiß nicht wie kurz darauf, aber es war noch der selbe Zeitpunkt am selben Ort und wir hatten noch nicht ganz aufgegessen, da kam meine Mutter ins Zimmer und sagte, sie müsse mir etwas sagen. Ich glaube, sie sagte einfach nur: "Dein Opa ist gestorben". Aber beschwören kann ich es nicht, auch kann ich nicht mehr nachvollziehen, wie ich mich gefühlt habe. Ich weiß von all dem nur noch, dass ich sofort zu weinen angefangen habe. Und dann kommt wieder dieser Filmriss.

Ich denke, ich kann mich dann wieder an die Beerdigung erinnern, doch ich war mittlerweile auf so vielen Beerdigungen, dass ich auch das nicht beschwören könnte. Doch eines weiß ich, den Tod meines Großvaters habe ich verarbeitet, denn er scheint wie alles andere sehr fern. Den Tod meiner Großmutter aber, habe ich heute noch nicht einmal begonnen zu verarbeiten. Ich war 17. Es scheint mir weder lange entfernt in der Vergangenheit zu liegen und auch nicht, als wäre es gestern gewesen.

Es scheint (ich habe gerade ein Deja-vu... jedenfalls eine Art dessen, denn ich glaube nicht, dass ich das alles schon einmal aufgeschrieben habe, also erlebte, sondern bin ich mir sicher, das einmal geträumt zu haben. Ich kann mich wage daran erinnern, wie ich versuchte zu lesen, was ich aufschrieb und davon erwachte ohne es herausgefunden zu haben, was mich sehr geärgert hat. Mit diesem in Klammer stehenden Teil ist mein Erinnerungsgefühl jetzt auch wieder verschwunden, denn ich habe nur bis kurz vor der ersten Klammer geträumt...) wie ein abgelegener Gedanke, den ich mal hatte. Nicht wirklich wahr. Nicht wirklich traurig, weil so irreal. Früher putzte ich regelmäßig einmal die Woche (ich glaube, es war immer ein Donnerstag gewesen) bei meiner Oma.

Nehmen wir an, es war ein Donnerstag. Am Mittwoch davor rief ich immer an und fragte, ob sie noch etwas bestimmtes aus der Stadt brauchte. Meist brauchte sie nichts. Nur ab und zu sollte ich noch Garn für ihre Häkeldeckchen, die sie, seit ich denken kann, immer vor dem Fernseher gehäkelt hat, um ein Mitbringsel bereit zu haben, mitbringen. Doch diesen Mittwoch erreichte ich sie nicht. Ich bin nicht der Mensch, der sich sofort Sorgen oder Gedanken macht, wenn etwas nicht routiniert abläuft, dafür war und ist mein Leben viel zu unroutiniert. Doch diesmal machte ich mir Sorgen, obwohl ich wirklich keinen Grund dazu gehabt hätte. Also rief ich meine Tante an, die im selben Ort wie meine Oma wohnt, und erfuhr, dass meine Oma im Krankenhaus sei. Sie hätte einen leichten Herzinfarkt gehabt und müsse zur Beobachtung dort bleiben.

Als ich aufgelegt hatte, habe ich nur geweint. Auch jetzt hatte ich eigentlich keine wirkliche Begründung mir solche Sorgen zu machen, aber ich ahnte, sie würde sterben, obwohl ich es weder wusste noch wirklich wahrnahm. Ein paar Tage darauf wollte ich sie besuchen gehen und war auch schon auf dem Weg zum Bus, der halbstündlich zum Krankenhaus hinauf auf den Vogelsang fuhr, als ich die jahrelange Putzfrau und Freundin meiner Oma auf der Straße traf. Sie trug schwarz und sah sehr unglücklich aus, doch ich entschied mich nicht direkt zu fragen als wir aufeinander zugingen.

Nun habe ich wieder einen Filmriss, denn an die Konversation kann ich mich nicht mehr erinnern. Erst wieder, dass ich alleine auf der Straße stand und nicht begreifen konnte, was ich gerade erfahren habe, denn sie war es, die mir sagte, dass meine Oma an einer erneuten Herzattacke gestorben sei. Sekundenbruchteile begriff ich nicht und auf einmal weinte ich nur noch. Ich weiß nicht mehr ob leise oder laut, aber ich glaube, ich habe beim Laufen noch gedacht, es sei doch egal, wenn ich laut heulend durch die Stadt laufe, ich habe schließlich allen Grund, auch wenn den niemand kennt, der mir begegnet.

Die Beerdigung habe ich wohl gänzlich verdrängt, doch kurz davor traf sich meine Familie im Haus meiner Oma. Ich weiß noch, dass ich 10 Meringuen (gesprochen: Meringen) gekauft habe. Meine Oma hatte mich immer geschickt, in der Dorfbäckerei 10 Meringuen zu kaufen für, meist unerwarteten, Besuch oder einfach für sich zum Kaffee am Nachmittag. Diese Meringuen hat meine Oma geliebt und alle liebten diese Meringuen, auch ich. Denn sie waren nicht gewöhnlich weiß und innen trocken wie Staub, sondern eher beige mit einem Kern klebriger Zuckermasse.
Meringe

Ich ging das Tor hinein und traf auf meinen Onkel, der knapp ein Jahr nach ihr sterben sollte. Ich hatte nicht geweint zu diesem Zeitpunkt, doch als ich ihn sah und unsere Blicke uns trafen und er mich sofort fest und lange in den Arm nahm, da konnte ich nichts mehr zurückhalten, was ich versucht hatte zurückzuhalten. Ich weiß nicht wie lange wir so dastanden, meine Erinnerung lässt mich mich erst wieder in der Küche sehen als ich die Tüte mit den 10 Meringuen auf den Küchentisch legte, der immer irgendwie das Zentrum der ganzen Familie gewesen zu sein schien. Alles traf sich immer bei meiner Oma, unserer Oma und Mama.

Alles schien hier den Knotenpunkt zu bilden. Wenn dieser Tisch hätte reden können, hätte er viel zu erzählen gehabt. Dieser Küchentisch mit der abgesägten Kante rechts hinten im Eck, dass alle damals daran Platz gehabt hatten, dieser Tisch enthält die Geschichte von Generationen. Wo er letztendlich hingekommen ist, kann ich nicht sagen. Ich möchte es ehrlich gesagt auch gar nicht wirklich wissen, denn es täte zu weh, ihn auf irgend einer Müllhalte zu wissen.

Das nächste, an das ich mich erinnere, war dann wieder unten im überdachten Hof. Da saß ich mit einem Kindbildnis von mir auf einem der 4 Stühle an einem der 2 Tisch. Ich glaube, das war irgendwann nach dem Tag der Beerdigung, aber sicher sagen kann ich das nicht. Eine meiner Tanten kam die lange Treppe von der Wohnung zum Hof hinunter und ich weiß nicht mehr was ich sagte, aber ich hatte Tränen in den Augen als ich los wurde, wie sehr ich meine Oma vermisse.

Meine Tante sagte, sie glaube mir das nicht, denn wenn ich sie so geliebt hätte, wie ich behaupte, hätte ich meine Oma nicht so schikaniert, wie ich es ihrer Ansicht nach getan haben soll. Ich möchte nicht näher auf diese Bemerkung eingehen. Ich bin heute noch so sprachlos wie ich es dortmals gewesen bin. Ich kann heute wie dort nicht glauben, was ich gehört habe und trage die Verletzung einfach schweigend weiter mit mir. Alle Situationen danach sind nicht mehr in meiner Erinnerung.

Ich weiß nicht, wie oft oder ob ich überhaupt noch geweint habe. Ich denke schon, aber verarbeitet habe ich es nicht. Ich habe es noch nicht mal wirklich begriffen. Noch immer glaube ich, gleich meine Oma aus dem Schlafzimmerfenster winken zu sehen, wenn ich zufällig auf das Haus zulaufe, das einmal ihres war. Ich begreife nicht, dass dort nun ganz andere Menschen wohnen. Oder dass sie überhaupt nicht mehr da ist. Ich begreife es einfach nicht.

Nach dem mein Vater gestorben war, war sie eigentlich die nächste Bezugsperson für mich. Sie war ihm so ähnlich, oder besser, er war ihrem Wesen so ähnlich gewesen. Wen hatte ich denn nun noch? Eine Zeit, in der meine Mutter gesoffen hat, meine liebste Tante zu weit weg wohnte und noch immer wohnt, einen Onkel, der krank war, einen Onkel, der mir keine wirkliche Bezugsperson war und ist, auch wenn er wirklich mehr als nur in Ordnung ist und dann hätte ich noch eine Tante. Doch wir hatten keinen wirklich guten Draht zueinander.

Heute verstehen wir uns besser, aber wirklich verstehen oder akzeptieren würde sie meine Lebenseinstellung nie, was der eigentliche Grund ist, warum ich sicherlich nicht mit allem an sie treten könnte. Sie hat sehr viel für mich getan und dafür bin ich ihr unendlich dankbar, doch das alles macht leider noch lange keine Bezugsperson aus, die ich dringend gebraucht hätte. Vielleicht wäre mein Leben etwas einfacher geworden, hätte ich gerade in der Zeit jemandem zum Reden gehabt. Aber das ist ein anderes Thema.

Meine Onkel nun starb wie gesagt, fast ein Jahr nach meiner Oma an seiner unheilbaren Krankheit. Es war vorauszusehen und doch war es ein Schock. Wie ich von seinem Tod erfuhr, weiß ich ebenfalls nicht mehr. Es ist erschreckend, wie wenige Ereignisse nur eigentlich in der Erinnerung eines einzelnen Menschen haften bleiben. Auch an die Beerdigung kann ich mich nur schemenhaft erinnern, nur dass ich derzeit viele geflochtene, dünne, lange, schwarze Zöpfchen hatte, das weiß ich noch gut. Viele Leute waren gekommen, auch seine Schüler. Einige hielten Reden, und ich weinte. Ich war manchmal, zu selten, wie ich heute meine, spontan zu ihm gegangen und habe ihm Kuchen mitgebracht. Er liebte Kuchen, und ich liebte ihn. Also brachte ich Kuchen mit.

Wir hatten leider nie viel Zeit, denn er hatte immer viel Arbeit und am Ende schlief er oft, so dass ich ihn nicht wecken wollte. Also gab ich die Kuchen seiner ehemaligen Frau, die bei ihm war bis zum Ende. Ich bewundere sie sehr dafür. Es fordert sehr viel Mut und Ausdauer. Aber nicht nur das macht sie zu einer wundervollen und besonderen Frau. Sie ist einfach wie sie ist und so ist das immer gut gewesen seit ich sie kenne.

Auch hier kann ich nicht sagen wie es mir nach der Beerdigung ging, ich weiß nicht, ob ich es verarbeitet oder auch nur verdrängt habe, wie den Tod meiner Oma. Ich weiß es nicht und ich will es, jetzt jedenfalls, nicht wissen. Ich kann das alles hier nur aufschreiben, weil ich mich abgeschottet habe vor dem Gefühl des Schmerzes, vor der Angst vor dem Tod. Ich habe keine Angst vor meinem eigenen Tod, eher vor dem Sterben, doch ich habe vor dem Tod an sich Angst. Der Tod um mich herum, das Sterben um mich herum... denn alles stirbt und wenn ich darüber nachdenke wie jung ich eigentlich noch bin und wie lange ich eigentlich noch leben werde, gesetz den Fall, dass mir nichts Unerwartetes passiert, dann wird mir im selben Moment bewusst, wie viele Menschen um mich und in meinem Leben sind, die ich über alles liebe und deren Tod ich auf jeden Fall noch miterleben werde, weil sie so viel älter sind als ich.

Dieser Gedanke ist so unerträglich für mich, dass ich ihn meist ganz schnell wieder weit in mein Unterbewusstsein schiebe. Ich habe irrsinnige Angst davor, Schmerz, innerlichen Schmerz zu fühlen, dass mich allein der Gedanke wie taub macht. Gefühlstaub, denn allein der Gedanke an den Schmerz, lässt mich besagten Schmerz vorfühlen.

Ein bekannter Philosoph sagte einmal: „Die Angst um andere ist die Angst um uns selbst“ Ich muss ihm einerseits wirklich recht geben, denn ich habe Angst, nicht weiter leben zu können, wenn ich einen jener besagten Menschen verlieren sollte. Geschweige denn alle, wenn auch nicht auf einmal. Doch wie bei vielen philosophischen Äußerungen ist das nur die eine Seite.

Ein anderer ebenso bekannter Ausspruch ist, dass wir in Trauer nicht jenen beweinen, der gestorben ist, sondern den Verlust, den wir selbst erlitten haben. Dem kann ich bis auf einige Ausnahmen zustimmen. Wenn jemand einem langen Krankheitsprozess durchmachen musste und nicht mehr zu retten war, dann ist man neben der Trauer doch froh, dass der geliebte Mensch wenigstens nicht mehr weiter leiden muss.

Ich kann nicht sagen, dass ich auch nur im geringsten irgendwo froh bin, dass mein Vater sterben musste. Ich akzeptiere nicht, dass man da nichts mehr hätte machen können. Ich gebe den Ärzten die Schuld, ohne überhaupt wirklich zu wissen, ob sie schuldig sind oder nicht. Wahrscheinlich nicht, doch ich habe eine innere Abneigung gegen diesen Satz, sie seien es wahrscheinlich nicht, so dass ich da nicht wirklich dahinter stehen kann.

Ich weiß noch wie meine Mutter einen Anruf aus dem Krankenhaus bekam. Mein Vater war 90% des letzten Jahres nur im Krankenhaus gelegen. Ich war lange der Überzeugung, dass es nachts gegen 2 gewesen sein muss, als das Telefon klingelte, doch als ich das einmal meiner Mutter erzählte, sagte sie mir, es sei in etwa 9 Uhr am Morgen gewesen. So kann ich bei all meiner Erinnerung, so überzeugend sie mir auch scheint, nie wirklich sagen, dass es so und so war, ohne es in meinem Tagebuch nachzulesen. Doch derzeit schrieb ich noch kein Tagebuch, was ich heute bereue, auch wenn ich damals nicht gewusst haben konnte, dass es einmal so wichtig für mich hätte sein können. Was verlange ich auch mit meinen heute 22 Jahren von einer damals nicht einmal 10-jährigen. Rückgängig kann ich es ohnehin nicht machen, wie sich nichts rückgängig machen lässt, was einmal passiert ist, schon gar nicht den Tod.

Meine Mutter jedenfalls sagte mir nach dem Anruf, ich solle ein paar Sachen einpacken, weil mich Bekannte der Familie abholen würden, da sie ins Krankenhaus müsse, weil mein Vater im Sterben läge. Nein, sie sagte nicht, er läge im Sterben, sie sagte, seine Körperfunktionen würden sich langsam abschalten.

Im Endeffekt bedeutete es das gleiche. Es war nichts mehr zu machen, diese Botschaft verstehe ich heute, aber damals hatte ich noch Hoffnung. Hoffnung wo keine mehr war. Doch egal, was sie eigentlich sagte, ich hörte in diesem Moment nur den Satz: Ich gehe ins Krankenhaus und du nicht. Das konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Ich konnte nicht verstehen, dass ich nicht mitkommen durfte. Verstand den Grund nicht, genauso wenig wie ich eben verstand, dass ihre Auskunft an mich hieß, dass er im Sterben liegt. Und wieder habe ich hier einen Filmriss. Denn ich weiß nicht mehr, ob wir diskutiert hatten oder sie mir erklärt hatte, warum sie nicht wolle, dass ich mitkomme.

In meiner Erinnerung finde ich mich im Auto besagter Bekannten wieder, die mich zu sich und ihrer Tochter nach Hause fuhr. Damals glaubte ich noch, dass es einen Gott gäbe und ich weiß noch wie ich die Hände faltete und betete, dass mein Vater nicht sterben solle. Ich vertraute diesem Gott so sehr, dass ich der Bekannten sagte, mein Vater würde nie und nimmer sterben. Wenn es Gott gibt, dann wird er nicht sterben und es gibt diesen Gott, habe ich gesagt, und deswegen wird er meinen Vater beschützen, ihn mir nicht wegnehmen, niemals, weil ich gebetet habe, dass es nicht passiert. Weil mein Vater mir gesagt hat, dass er mir die ganze Welt zeigen will, habe ich gesagt. Er war immer in der Kirche, jeden Sonntag ist er in die Kirche gegangen und er hat immer alles richtig gemacht, deswegen wird Gott nicht wollen, dass er stirbt.

Die Bekannte, so ahne ich heute, muss schreckliche Gefühle durchgemacht haben. Wie hätte sie einem Kind erklären sollen, dass sie wusste, dass er sterben würde. Sie hat irgendetwas gesagt dergleichen, aber ich weiß nicht mehr was. Ich wiederholte immer nur noch mehr, dass er nicht sterben wird und dabei heulte ich. Je mehr die Bekannte sagte, um so böser wurde ich auf sie und wir beide fuhren schweigend weiter. Wie ich den Tag herum brachte, ist mir ebenfalls entfallen. Ich verbrachte ihn auf jeden Fall mit der Tochter dieser Bekannten, die etwa 12 gewesen sein muss. Am nächsten Morgen, so versprach sie mir, würden wir in die Dorfvideothek gehen und E. T. ausleihen, weil ich den unbedingt endlich einmal sehen wollte, denn alle hatten ihn schon gesehen, außer ich.

Mein Vater hatte mir oft Filme aus der Videothek mitgebracht, aber E. T., wie er sagte, wäre immer schon ausgeliehen gewesen. Also gingen wir am nächsten Morgen zur Videothek beim Rathaus. Damals durfte man noch unter 18 in eine Videothek. Wir liehen also genannten Film aus und gingen wieder zu ihr nach hause. Sie hatten ein Fernsehzimmer, in dem ich immer sonst LEGO gespielt hatte. Ich liebte LEGO, liebe es auch heute noch Häusergrundrisse zu bauen und die Zimmer einzurichten, was wohl schon ein Vorzeichen auf meine heutige Ausbildung war.

Sie legte mir den Film ein und ging nach unten unter dem Vorwand, sie hätte den Film schon oft gesehen. Heute meine ich, sie hatte gewusst, dass meine Mutter gleich kommen würde, aber das ist prinzipiell relativ. Jedenfalls lief gerade der Vorspann mit den ersten Bildern als meine Mutter ins Zimmer kam. Irgendwie kannte ich diese Situation schon. Bei meinem Opa war es damals ja nicht viel anders gewesen. Ich glaube, ich habe sie gefragt, wie es Papa ging, doch im Endeffekt ist es egal, ob ich vorher was gefragt habe oder nicht, denn, wie ich heute denke, hat sie sich lange überlegt, wie sie es mir sagen soll und hielt sich an ihre Worte vom Jahr zuvor in dem sie sagte, sie müsse mir etwas sagen und eben „Dein Papa ist gestorben“.

Ich stand da. Reagierte nicht wie beim Tod meines Opas. Nicht im geringsten. Ich weinte nicht. Ich stand erst mal nur da. Wahrscheinlich vollkommen unter Schock, denn das einzige, was ich sagte, war, dass ich doch endlich E. T. hatte sehen wollen. So als ob es mir gerade nicht in den Kram passe, aufzuräumen oder sonst irgendeine Nichtigkeit zu erledigen. Was danach war, weiß ich beim besten Willen nicht mehr, doch dieser Satz, diese Situation wird mir ewig so klar in Erinnerung bleiben, als wäre es gestern oder vor 2 Tagen gewesen.

Den Film letzten Endes konnte ich mir erst Jahre später ansehen. Zu viele Erinnerungen waren damit verbunden, als ich hätte ertragen können. Was mir noch in der Erinnerung aus dieser Zeit geblieben ist, ist nur noch eine Situation auf der Beerdigung in der Kirche. Ich muss schrecklich laut geweint haben, ich selbst weiß nur noch, dass ich geweint habe, aber nicht mehr ob laut oder leise.

Jedenfalls weiß ich noch genau wie eine Frauenstimme hinter mir sagte: „Jetzt hör endlich auf zu heulen“. Das werde ich nie vergessen. Wenn ich heute wüsste, wer das gewesen ist, ich weiß nicht, was ich tun würde. Wie kann man einem 9-jährigen Kind, das gerade seinen Vater verloren hat und damit, wie ich heute meine, den Glauben an einen Gott, sagen, es solle nicht „heulen“?

Ich weiß wirklich nicht, was ich heute mit diesem Menschen, mit dieser Frau tun würde oder besser, was ich ihr sagen würde, wenn ich es sagen und nicht heraus schreien würde! So könnte ich zumindest diesen Teil irgendwie bearbeiten. Aber vielleicht ist es wirklich ganz gut, dass ich nicht weiß, wer das zu mir gesagt hat, denn ich würde wohl alles an ihr auslassen, meinen ganzen Schmerz und alles was ich bis heute nicht verarbeitet habe und wofür diese Person schließlich nichts kann, obwohl ich mir da gar nicht mal so sicher bin, denn was passiert denn unterbewusst in einem Kind, dem von einem Erwachsenen die Trauer verboten wird?

Das wird wohl niemals jemand herausfinden, jedenfalls nicht in meinem Fall, also werde ich nicht weiter darauf eingehen. Im Endeffekt sieht es so aus, dass ich das bis heute eben nie verarbeitet habe. Ich sage immer gern, ich hätte verarbeitet, jedenfalls tat ich das kurz vor letztem Weihnachten noch. Wie ich es eigentlich unter dem Jahr immer gesagt habe. Doch obwohl es nicht gelogen war, es ist doch auch nicht die Wahrheit gewesen. Ich glaubte selbst daran, doch immer wenn ich Frank Sinatra höre, den mein Vater fast vergöttert hatte, dann kann ich den Schmerz und die Tränen nicht im Unterbewusstsein lassen. Alles strömt aus mir heraus wie eine Springflut von ungeweinten Tränen. Als Frank Sinatra starb war es fast so, als würde mein Vater zum 2. Male sterben. Sterben?

Ich weiß nicht, ob mir bewusst ist, dass mein Vater gestorben ist. Ich weiß an sich, dass er tot ist. Das ist eine Tatsache, aber ich habe mir lange, trotz dieses Wissens, immer nebenbei eingeredet, vielleicht haben sich meine Eltern nur scheiden lassen und wollten mir den Schmerz erleichtern, wenn sie behaupteten, er wäre gestorben. Das war natürlich reiner Schwachsinn, aber dieser Schwachsinn gab mir die Hoffnung. Hoffnung ihn wieder zu finden und Hoffnung weiter zu suchen.

Überall, wo ich war, hielt ich Ausschau nach ihm. Einmal überquerte ich eine Strasse in der Innenstadt und dachte tatsächlich voller Herzklopfen, ich hätte ihn gefunden, und rief dem Fahrradfahrer mit den Flicken auf den Ellbogen nach. Er drehte sich um und er war nicht mein Vater. Innerlich muss ich zusammengebrochen sein. Ich habe keine Erinnerung an das Gefühl, dass ich erlebt haben muss.

Da ich da ungefähr 11 oder auch 12 gewesen sein muss, glaubte ich mit 20 oder sogar schon 21, dass ich diese kindische Suche aufgegeben habe und endlich akzeptierte, dass mein Vater tot ist und zwar wirklich tot, habe mich geirrt. In einer Stadt, in der ich mit meinem besten Freund eine Bekannte besuchte, sah ich einen Mann der ihm so ähnlich war und dem Alter nach hinkommen müsste, dass ich mir nicht sicher war, ob er es nicht wirklich ist. Ich ging sogar zu ihm hin und fragte nach der Uhrzeit, um vielleicht seine Stimme zu erkennen. Und im Hingehen überlegte ich mir ernsthaft, wie ich reagieren sollte, wenn er es war. Ich dachte in diesem Moment kein einziges Mal daran, dass er doch tot ist. Dass er das doch niemals sein konnte. Er war es nicht.

Von der Nähe aus gesehen, hatte dieser Mann nicht eine Spur von bekannten Gesichtszügen. Seine Stimme war unbekannt, aber mir wurde zu aller Enttäuschung auch noch schmerzlich bewusst, dass ich mich an die Stimme meines Vaters überhaupt nicht erinnern konnte und auch jetzt noch nicht kann.

Ich ging mit bitteren Tränen in den Augen zu meinem besten Freund zurück, der mich entgeistert anstarrte bis ich ihm erklärte, was gerade passiert war und dass mir jetzt klar war, dass ich diesen Tod noch immer nicht im geringsten verarbeitet hatte. Dass ich immer noch dort stand, wo ich mit 11 oder 12 Jahren stand, nämlich da, wo ich nicht akzeptiere, dass er tot ist und, wenn auch unterbewusst, immer noch nach ihm in voller Hoffnung suche! Ich war mehr als nur noch am Weinen. Ich war in dem Moment vollkommen kaputt und krank vor Sehnsucht nach ihm, nach der Sicherheit, die er mir gegeben hatte und die ich seither niemals mehr erlebt habe, und nach der Geborgenheit, die ich überall, in vielen Menschen und allen Beziehungen, gesucht habe und immer noch verzweifelt suche.

Es ist nun fast 13 Jahre her, dass er gestorben ist, und doch hat meine Erinnerung an die Vergangenheit keinen Schleier bekommen. Trotz meiner Erinnerungslücken, ist sein Tod klar vor meinen Augen und auch der damit verbundene Schmerz, wenn auch nicht aufgezeichnet als Lebensende. Sondern nur als Wort, dass eine ganz andere oder eigentlich überhaupt keine Bedeutung hat. Und vielleicht auch niemals haben wird!

2001-02-22 © Sirpa Weiler

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