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Kapitel IX - Nicht wirklich tot-]
2001-02-22
Nun
ist es schon bald 13 Jahre her, als mein Vater
starb. Gestorben nach knapp 5 Jahren sterben.
Ich war nicht ganz 10 Jahre alt gewesen. Nun
bin ich 22 und es kommt mir nicht annähernd
so vor, als müsse ich weit, so weit zurückdenken,
wie es in Wirklichkeit ist.
Alles
in meiner Vergangenheit scheint mir wie ein
schon oft gelesenes Buch, schon sehr oft betrachtetes
Bild in meiner Erinnerung. Alles scheint sich
gar nicht wirklich in meinem Leben abgespielt
zu haben. Nichts, bis auf den Tod. Vor allem
der Tod meines Vaters. Den Tod meines Großvaters
habe ich noch bruchstückhaft klar in
Erinnerung.
|
|
Ich
weiß noch genau, dass eine Freundin bei mir
zu Besuch war. Ich war etwa 8 Jahre alt und wir
saßen im Gästefrühstückszimmer
unseres Hotels und aßen SchniPoSa (Schnitzel,
Pommes & Salat) mit Ketchup. Zu allem wollte
ich immer Ketchup haben. Der Fernseher lief nebenher,
doch an die Sendung könnte ich mich beim besten
Willen nicht mehr erinnern. Ich sagte noch zu meiner
Freundin in kindlicher Naivität, mein Opa würde
nicht sterben. Niemand in meiner Familie würde
je sterben, und auch mein Opa nicht, obwohl er im
Krankenhaus lag.
Ich
weiß nicht, wie ich darauf kam, dass überhaupt
jemand stirbt. Niemand war je gestorben, bis auf
meine Tante, von der ich meinen Namen bekommen habe.
Als sie starb war ich 4 Jahre alt gewesen und ich
war mit meiner Mutter auf der Beerdigung in Finnland.
Ich kann mich nicht erinnern, ob mein Vater dabei
gewesen ist oder wie die Kirche aussah oder was
wir davor oder danach getan hatten. Das einzige,
das hängen geblieben ist, ist der ganze weiße
Schnee, der dort in tiefer Pracht lag. Mehr weiß
ich davon nicht mehr. Und dieses Ereignis war mir
auch nicht im Kopf gewesen als ich meiner Freundin
richtiggehend einreden wollte, dass nie nicht mein
Opa sterben würde, nur weil er im Krankenhaus
läge.
 |
Kurz
darauf, ich weiß nicht wie kurz darauf,
aber es war noch der selbe Zeitpunkt am selben
Ort und wir hatten noch nicht ganz aufgegessen,
da kam meine Mutter ins Zimmer und sagte,
sie müsse mir etwas sagen. Ich glaube,
sie sagte einfach nur: "Dein Opa ist
gestorben". Aber beschwören kann
ich es nicht, auch kann ich nicht mehr nachvollziehen,
wie ich mich gefühlt habe. Ich weiß
von all dem nur noch, dass ich sofort zu weinen
angefangen habe. Und dann kommt wieder dieser
Filmriss. |
Ich
denke, ich kann mich dann wieder an die Beerdigung
erinnern, doch ich war mittlerweile auf so vielen
Beerdigungen, dass ich auch das nicht beschwören
könnte. Doch eines weiß ich, den Tod
meines Großvaters habe ich verarbeitet, denn
er scheint wie alles andere sehr fern. Den Tod meiner
Großmutter aber, habe ich heute noch nicht
einmal begonnen zu verarbeiten. Ich war 17. Es scheint
mir weder lange entfernt in der Vergangenheit zu
liegen und auch nicht, als wäre es gestern
gewesen.
Es scheint (ich habe gerade ein
Deja-vu... jedenfalls eine Art dessen, denn ich
glaube nicht, dass ich das alles schon einmal aufgeschrieben
habe, also erlebte, sondern bin ich mir sicher,
das einmal geträumt zu haben. Ich kann mich
wage daran erinnern, wie ich versuchte zu lesen,
was ich aufschrieb und davon erwachte ohne es herausgefunden
zu haben, was mich sehr geärgert hat. Mit diesem
in Klammer stehenden Teil ist mein Erinnerungsgefühl
jetzt auch wieder verschwunden, denn ich habe nur
bis kurz vor der ersten Klammer geträumt...)
wie ein abgelegener Gedanke, den ich mal hatte.
Nicht wirklich wahr. Nicht wirklich traurig, weil
so irreal. Früher putzte ich regelmäßig
einmal die Woche (ich glaube, es war immer ein Donnerstag
gewesen) bei meiner Oma.
Nehmen
wir an, es war ein Donnerstag. Am Mittwoch davor
rief ich immer an und fragte, ob sie noch etwas
bestimmtes aus der Stadt brauchte. Meist brauchte
sie nichts. Nur ab und zu sollte ich noch Garn für
ihre Häkeldeckchen, die sie, seit ich denken
kann, immer vor dem Fernseher gehäkelt hat,
um ein Mitbringsel bereit zu haben, mitbringen.
Doch diesen Mittwoch erreichte ich sie nicht. Ich
bin nicht der Mensch, der sich sofort Sorgen oder
Gedanken macht, wenn etwas nicht routiniert abläuft,
dafür war und ist mein Leben viel zu unroutiniert.
Doch diesmal machte ich mir Sorgen, obwohl ich wirklich
keinen Grund dazu gehabt hätte. Also rief ich
meine Tante an, die im selben Ort wie meine Oma
wohnt, und erfuhr, dass meine Oma im Krankenhaus
sei. Sie hätte einen leichten Herzinfarkt gehabt
und müsse zur Beobachtung dort bleiben.
Als
ich aufgelegt hatte, habe ich nur geweint. Auch
jetzt hatte ich eigentlich keine wirkliche Begründung
mir solche Sorgen zu machen, aber ich ahnte, sie
würde sterben, obwohl ich es weder wusste noch
wirklich wahrnahm. Ein paar Tage darauf wollte ich
sie besuchen gehen und war auch schon auf dem Weg
zum Bus, der halbstündlich zum Krankenhaus
hinauf auf den Vogelsang fuhr, als ich die jahrelange
Putzfrau und Freundin meiner Oma auf der Straße
traf. Sie trug schwarz und sah sehr unglücklich
aus, doch ich entschied mich nicht direkt zu fragen
als wir aufeinander zugingen.
Nun
habe ich wieder einen Filmriss, denn an die Konversation
kann ich mich nicht mehr erinnern. Erst wieder,
dass ich alleine auf der Straße stand und
nicht begreifen konnte, was ich gerade erfahren
habe, denn sie war es, die mir sagte, dass meine
Oma an einer erneuten Herzattacke gestorben sei.
Sekundenbruchteile begriff ich nicht und auf einmal
weinte ich nur noch. Ich weiß nicht mehr ob
leise oder laut, aber ich glaube, ich habe beim
Laufen noch gedacht, es sei doch egal, wenn ich
laut heulend durch die Stadt laufe, ich habe schließlich
allen Grund, auch wenn den niemand kennt, der mir
begegnet.
Die
Beerdigung habe ich wohl gänzlich verdrängt,
doch kurz davor traf sich meine Familie im
Haus meiner Oma. Ich weiß noch, dass
ich 10 Meringuen (gesprochen: Meringen) gekauft
habe. Meine Oma hatte mich immer geschickt,
in der Dorfbäckerei 10 Meringuen zu kaufen
für, meist unerwarteten, Besuch oder
einfach für sich zum Kaffee am Nachmittag.
Diese Meringuen hat meine Oma geliebt und
alle liebten diese Meringuen, auch ich. Denn
sie waren nicht gewöhnlich weiß
und innen trocken wie Staub, sondern eher
beige mit einem Kern klebriger Zuckermasse. |
|
Ich ging das Tor hinein und traf
auf meinen Onkel, der knapp ein Jahr nach ihr sterben
sollte. Ich hatte nicht geweint zu diesem Zeitpunkt,
doch als ich ihn sah und unsere Blicke uns trafen
und er mich sofort fest und lange in den Arm nahm,
da konnte ich nichts mehr zurückhalten, was
ich versucht hatte zurückzuhalten. Ich weiß
nicht wie lange wir so dastanden, meine Erinnerung
lässt mich mich erst wieder in der Küche
sehen als ich die Tüte mit den 10 Meringuen
auf den Küchentisch legte, der immer irgendwie
das Zentrum der ganzen Familie gewesen zu sein schien.
Alles traf sich immer bei meiner Oma, unserer Oma
und Mama.
Alles schien hier den Knotenpunkt
zu bilden. Wenn dieser Tisch hätte reden können,
hätte er viel zu erzählen gehabt. Dieser
Küchentisch mit der abgesägten Kante rechts
hinten im Eck, dass alle damals daran Platz gehabt
hatten, dieser Tisch enthält die Geschichte
von Generationen. Wo er letztendlich hingekommen
ist, kann ich nicht sagen. Ich möchte es ehrlich
gesagt auch gar nicht wirklich wissen, denn es täte
zu weh, ihn auf irgend einer Müllhalte zu wissen.
Das nächste, an das ich mich
erinnere, war dann wieder unten im überdachten
Hof. Da saß ich mit einem Kindbildnis von
mir auf einem der 4 Stühle an einem der 2 Tisch.
Ich glaube, das war irgendwann nach dem Tag der
Beerdigung, aber sicher sagen kann ich das nicht.
Eine meiner Tanten kam die lange Treppe von der
Wohnung zum Hof hinunter und ich weiß nicht
mehr was ich sagte, aber ich hatte Tränen in
den Augen als ich los wurde, wie sehr ich meine
Oma vermisse.
Meine Tante sagte, sie glaube mir
das nicht, denn wenn ich sie so geliebt hätte,
wie ich behaupte, hätte ich meine Oma nicht
so schikaniert, wie ich es ihrer Ansicht nach getan
haben soll. Ich möchte nicht näher auf
diese Bemerkung eingehen. Ich bin heute noch so
sprachlos wie ich es dortmals gewesen bin. Ich kann
heute wie dort nicht glauben, was ich gehört
habe und trage die Verletzung einfach schweigend
weiter mit mir. Alle Situationen danach sind nicht
mehr in meiner Erinnerung.
Ich weiß nicht, wie oft oder
ob ich überhaupt noch geweint habe. Ich denke
schon, aber verarbeitet habe ich es nicht. Ich habe
es noch nicht mal wirklich begriffen. Noch immer
glaube ich, gleich meine Oma aus dem Schlafzimmerfenster
winken zu sehen, wenn ich zufällig auf das
Haus zulaufe, das einmal ihres war. Ich begreife
nicht, dass dort nun ganz andere Menschen wohnen.
Oder dass sie überhaupt nicht mehr da ist.
Ich begreife es einfach nicht.
Nach dem mein Vater gestorben war,
war sie eigentlich die nächste Bezugsperson
für mich. Sie war ihm so ähnlich, oder
besser, er war ihrem Wesen so ähnlich gewesen.
Wen hatte ich denn nun noch? Eine Zeit, in der meine
Mutter gesoffen hat, meine liebste Tante zu weit
weg wohnte und noch immer wohnt, einen Onkel, der
krank war, einen Onkel, der mir keine wirkliche
Bezugsperson war und ist, auch wenn er wirklich
mehr als nur in Ordnung ist und dann hätte
ich noch eine Tante. Doch wir hatten keinen wirklich
guten Draht zueinander.
Heute verstehen wir uns besser,
aber wirklich verstehen oder akzeptieren würde
sie meine Lebenseinstellung nie, was der eigentliche
Grund ist, warum ich sicherlich nicht mit allem
an sie treten könnte. Sie hat sehr viel für
mich getan und dafür bin ich ihr unendlich
dankbar, doch das alles macht leider noch lange
keine Bezugsperson aus, die ich dringend gebraucht
hätte. Vielleicht wäre mein Leben etwas
einfacher geworden, hätte ich gerade in der
Zeit jemandem zum Reden gehabt. Aber das ist ein
anderes Thema.
Meine Onkel nun starb wie gesagt,
fast ein Jahr nach meiner Oma an seiner unheilbaren
Krankheit. Es war vorauszusehen und doch war es
ein Schock. Wie ich von seinem Tod erfuhr, weiß
ich ebenfalls nicht mehr. Es ist erschreckend, wie
wenige Ereignisse nur eigentlich in der Erinnerung
eines einzelnen Menschen haften bleiben. Auch an
die Beerdigung kann ich mich nur schemenhaft erinnern,
nur dass ich derzeit viele geflochtene, dünne,
lange, schwarze Zöpfchen hatte, das weiß
ich noch gut. Viele Leute waren gekommen, auch seine
Schüler. Einige hielten Reden, und ich weinte.
Ich war manchmal, zu selten, wie ich heute meine,
spontan zu ihm gegangen und habe ihm Kuchen mitgebracht.
Er liebte Kuchen, und ich liebte ihn. Also brachte
ich Kuchen mit.
Wir hatten leider nie viel Zeit,
denn er hatte immer viel Arbeit und am Ende schlief
er oft, so dass ich ihn nicht wecken wollte. Also
gab ich die Kuchen seiner ehemaligen Frau, die bei
ihm war bis zum Ende. Ich bewundere sie sehr dafür.
Es fordert sehr viel Mut und Ausdauer. Aber nicht
nur das macht sie zu einer wundervollen und besonderen
Frau. Sie ist einfach wie sie ist und so ist das
immer gut gewesen seit ich sie kenne.
Auch hier kann ich nicht sagen wie
es mir nach der Beerdigung ging, ich weiß
nicht, ob ich es verarbeitet oder auch nur verdrängt
habe, wie den Tod meiner Oma. Ich weiß es
nicht und ich will es, jetzt jedenfalls, nicht wissen.
Ich kann das alles hier nur aufschreiben, weil ich
mich abgeschottet habe vor dem Gefühl des Schmerzes,
vor der Angst vor dem Tod. Ich habe keine Angst
vor meinem eigenen Tod, eher vor dem Sterben, doch
ich habe vor dem Tod an sich Angst. Der Tod um mich
herum, das Sterben um mich herum... denn alles stirbt
und wenn ich darüber nachdenke wie jung ich
eigentlich noch bin und wie lange ich eigentlich
noch leben werde, gesetz den Fall, dass mir nichts
Unerwartetes passiert, dann wird mir im selben Moment
bewusst, wie viele Menschen um mich und in meinem
Leben sind, die ich über alles liebe und deren
Tod ich auf jeden Fall noch miterleben werde, weil
sie so viel älter sind als ich.
Dieser Gedanke ist so unerträglich
für mich, dass ich ihn meist ganz schnell wieder
weit in mein Unterbewusstsein schiebe. Ich habe
irrsinnige Angst davor, Schmerz, innerlichen Schmerz
zu fühlen, dass mich allein der Gedanke wie
taub macht. Gefühlstaub, denn allein der Gedanke
an den Schmerz, lässt mich besagten Schmerz
vorfühlen.
Ein bekannter Philosoph sagte einmal:
„Die Angst um andere ist die Angst um uns
selbst“ Ich muss ihm einerseits wirklich recht
geben, denn ich habe Angst, nicht weiter leben zu
können, wenn ich einen jener besagten Menschen
verlieren sollte. Geschweige denn alle, wenn auch
nicht auf einmal. Doch wie bei vielen philosophischen
Äußerungen ist das nur die eine Seite.
Ein anderer ebenso bekannter Ausspruch
ist, dass wir in Trauer nicht jenen beweinen, der
gestorben ist, sondern den Verlust, den wir selbst
erlitten haben. Dem kann ich bis auf einige Ausnahmen
zustimmen. Wenn jemand einem langen Krankheitsprozess
durchmachen musste und nicht mehr zu retten war,
dann ist man neben der Trauer doch froh, dass der
geliebte Mensch wenigstens nicht mehr weiter leiden
muss.
Ich kann nicht sagen, dass ich auch
nur im geringsten irgendwo froh bin, dass mein Vater
sterben musste. Ich akzeptiere nicht, dass man da
nichts mehr hätte machen können. Ich gebe
den Ärzten die Schuld, ohne überhaupt
wirklich zu wissen, ob sie schuldig sind oder nicht.
Wahrscheinlich nicht, doch ich habe eine innere
Abneigung gegen diesen Satz, sie seien es wahrscheinlich
nicht, so dass ich da nicht wirklich dahinter stehen
kann.
Ich weiß noch wie meine Mutter
einen Anruf aus dem Krankenhaus bekam. Mein Vater
war 90% des letzten Jahres nur im Krankenhaus gelegen.
Ich war lange der Überzeugung, dass es nachts
gegen 2 gewesen sein muss, als das Telefon klingelte,
doch als ich das einmal meiner Mutter erzählte,
sagte sie mir, es sei in etwa 9 Uhr am Morgen gewesen.
So kann ich bei all meiner Erinnerung, so überzeugend
sie mir auch scheint, nie wirklich sagen, dass es
so und so war, ohne es in meinem Tagebuch nachzulesen.
Doch derzeit schrieb ich noch kein Tagebuch, was
ich heute bereue, auch wenn ich damals nicht gewusst
haben konnte, dass es einmal so wichtig für
mich hätte sein können. Was verlange ich
auch mit meinen heute 22 Jahren von einer damals
nicht einmal 10-jährigen. Rückgängig
kann ich es ohnehin nicht machen, wie sich nichts
rückgängig machen lässt, was einmal
passiert ist, schon gar nicht den Tod.
Meine Mutter jedenfalls sagte mir
nach dem Anruf, ich solle ein paar Sachen einpacken,
weil mich Bekannte der Familie abholen würden,
da sie ins Krankenhaus müsse, weil mein Vater
im Sterben läge. Nein, sie sagte nicht, er
läge im Sterben, sie sagte, seine Körperfunktionen
würden sich langsam abschalten.
Im Endeffekt bedeutete es das gleiche.
Es war nichts mehr zu machen, diese Botschaft verstehe
ich heute, aber damals hatte ich noch Hoffnung.
Hoffnung wo keine mehr war. Doch egal, was sie eigentlich
sagte, ich hörte in diesem Moment nur den Satz:
Ich gehe ins Krankenhaus und du nicht. Das konnte
und wollte ich nicht akzeptieren. Ich konnte nicht
verstehen, dass ich nicht mitkommen durfte. Verstand
den Grund nicht, genauso wenig wie ich eben verstand,
dass ihre Auskunft an mich hieß, dass er im
Sterben liegt. Und wieder habe ich hier einen Filmriss.
Denn ich weiß nicht mehr, ob wir diskutiert
hatten oder sie mir erklärt hatte, warum sie
nicht wolle, dass ich mitkomme.
In meiner Erinnerung finde ich mich
im Auto besagter Bekannten wieder, die mich zu sich
und ihrer Tochter nach Hause fuhr. Damals glaubte
ich noch, dass es einen Gott gäbe und ich weiß
noch wie ich die Hände faltete und betete,
dass mein Vater nicht sterben solle. Ich vertraute
diesem Gott so sehr, dass ich der Bekannten sagte,
mein Vater würde nie und nimmer sterben. Wenn
es Gott gibt, dann wird er nicht sterben und es
gibt diesen Gott, habe ich gesagt, und deswegen
wird er meinen Vater beschützen, ihn mir nicht
wegnehmen, niemals, weil ich gebetet habe, dass
es nicht passiert. Weil mein Vater mir gesagt hat,
dass er mir die ganze Welt zeigen will, habe ich
gesagt. Er war immer in der Kirche, jeden Sonntag
ist er in die Kirche gegangen und er hat immer alles
richtig gemacht, deswegen wird Gott nicht wollen,
dass er stirbt.
Die Bekannte, so ahne ich heute,
muss schreckliche Gefühle durchgemacht haben.
Wie hätte sie einem Kind erklären sollen,
dass sie wusste, dass er sterben würde. Sie
hat irgendetwas gesagt dergleichen, aber ich weiß
nicht mehr was. Ich wiederholte immer nur noch mehr,
dass er nicht sterben wird und dabei heulte ich.
Je mehr die Bekannte sagte, um so böser wurde
ich auf sie und wir beide fuhren schweigend weiter.
Wie ich den Tag herum brachte, ist mir ebenfalls
entfallen. Ich verbrachte ihn auf jeden Fall mit
der Tochter dieser Bekannten, die etwa 12 gewesen
sein muss. Am nächsten Morgen, so versprach
sie mir, würden wir in die Dorfvideothek gehen
und E. T. ausleihen, weil ich den unbedingt endlich
einmal sehen wollte, denn alle hatten ihn schon
gesehen, außer ich.
Mein Vater hatte mir oft Filme aus
der Videothek mitgebracht, aber E. T., wie er sagte,
wäre immer schon ausgeliehen gewesen. Also
gingen wir am nächsten Morgen zur Videothek
beim Rathaus. Damals durfte man noch unter 18 in
eine Videothek. Wir liehen also genannten Film aus
und gingen wieder zu ihr nach hause. Sie hatten
ein Fernsehzimmer, in dem ich immer sonst LEGO gespielt
hatte. Ich liebte LEGO, liebe es auch heute noch
Häusergrundrisse zu bauen und die Zimmer einzurichten,
was wohl schon ein Vorzeichen auf meine heutige
Ausbildung war.
Sie legte mir den Film ein und ging
nach unten unter dem Vorwand, sie hätte den
Film schon oft gesehen. Heute meine ich, sie hatte
gewusst, dass meine Mutter gleich kommen würde,
aber das ist prinzipiell relativ. Jedenfalls lief
gerade der Vorspann mit den ersten Bildern als meine
Mutter ins Zimmer kam. Irgendwie kannte ich diese
Situation schon. Bei meinem Opa war es damals ja
nicht viel anders gewesen. Ich glaube, ich habe
sie gefragt, wie es Papa ging, doch im Endeffekt
ist es egal, ob ich vorher was gefragt habe oder
nicht, denn, wie ich heute denke, hat sie sich lange
überlegt, wie sie es mir sagen soll und hielt
sich an ihre Worte vom Jahr zuvor in dem sie sagte,
sie müsse mir etwas sagen und eben „Dein
Papa ist gestorben“.
Ich stand da. Reagierte nicht wie
beim Tod meines Opas. Nicht im geringsten. Ich weinte
nicht. Ich stand erst mal nur da. Wahrscheinlich
vollkommen unter Schock, denn das einzige, was ich
sagte, war, dass ich doch endlich E. T. hatte sehen
wollen. So als ob es mir gerade nicht in den Kram
passe, aufzuräumen oder sonst irgendeine Nichtigkeit
zu erledigen. Was danach war, weiß ich beim
besten Willen nicht mehr, doch dieser Satz, diese
Situation wird mir ewig so klar in Erinnerung bleiben,
als wäre es gestern oder vor 2 Tagen gewesen.
Den Film letzten Endes konnte ich
mir erst Jahre später ansehen. Zu viele Erinnerungen
waren damit verbunden, als ich hätte ertragen
können. Was mir noch in der Erinnerung aus
dieser Zeit geblieben ist, ist nur noch eine Situation
auf der Beerdigung in der Kirche. Ich muss schrecklich
laut geweint haben, ich selbst weiß nur noch,
dass ich geweint habe, aber nicht mehr ob laut oder
leise.
Jedenfalls weiß ich noch genau
wie eine Frauenstimme hinter mir sagte: „Jetzt
hör endlich auf zu heulen“. Das werde
ich nie vergessen. Wenn ich heute wüsste, wer
das gewesen ist, ich weiß nicht, was ich tun
würde. Wie kann man einem 9-jährigen Kind,
das gerade seinen Vater verloren hat und damit,
wie ich heute meine, den Glauben an einen Gott,
sagen, es solle nicht „heulen“?
Ich weiß wirklich nicht, was
ich heute mit diesem Menschen, mit dieser Frau tun
würde oder besser, was ich ihr sagen würde,
wenn ich es sagen und nicht heraus schreien würde!
So könnte ich zumindest diesen Teil irgendwie
bearbeiten. Aber vielleicht ist es wirklich ganz
gut, dass ich nicht weiß, wer das zu mir gesagt
hat, denn ich würde wohl alles an ihr auslassen,
meinen ganzen Schmerz und alles was ich bis heute
nicht verarbeitet habe und wofür diese Person
schließlich nichts kann, obwohl ich mir da
gar nicht mal so sicher bin, denn was passiert denn
unterbewusst in einem Kind, dem von einem Erwachsenen
die Trauer verboten wird?
Das wird wohl niemals jemand herausfinden,
jedenfalls nicht in meinem Fall, also werde ich
nicht weiter darauf eingehen. Im Endeffekt sieht
es so aus, dass ich das bis heute eben nie verarbeitet
habe. Ich sage immer gern, ich hätte verarbeitet,
jedenfalls tat ich das kurz vor letztem Weihnachten
noch. Wie ich es eigentlich unter dem Jahr immer
gesagt habe. Doch obwohl es nicht gelogen war, es
ist doch auch nicht die Wahrheit gewesen. Ich glaubte
selbst daran, doch immer wenn ich Frank Sinatra
höre, den mein Vater fast vergöttert hatte,
dann kann ich den Schmerz und die Tränen nicht
im Unterbewusstsein lassen. Alles strömt aus
mir heraus wie eine Springflut von ungeweinten Tränen.
Als Frank Sinatra starb war es fast so, als würde
mein Vater zum 2. Male sterben. Sterben?
Ich weiß nicht, ob mir bewusst
ist, dass mein Vater gestorben ist. Ich weiß
an sich, dass er tot ist. Das ist eine Tatsache,
aber ich habe mir lange, trotz dieses Wissens, immer
nebenbei eingeredet, vielleicht haben sich meine
Eltern nur scheiden lassen und wollten mir den Schmerz
erleichtern, wenn sie behaupteten, er wäre
gestorben. Das war natürlich reiner Schwachsinn,
aber dieser Schwachsinn gab mir die Hoffnung. Hoffnung
ihn wieder zu finden und Hoffnung weiter zu suchen.
Überall, wo ich war, hielt
ich Ausschau nach ihm. Einmal überquerte ich
eine Strasse in der Innenstadt und dachte tatsächlich
voller Herzklopfen, ich hätte ihn gefunden,
und rief dem Fahrradfahrer mit den Flicken auf den
Ellbogen nach. Er drehte sich um und er war nicht
mein Vater. Innerlich muss ich zusammengebrochen
sein. Ich habe keine Erinnerung an das Gefühl,
dass ich erlebt haben muss.
Da ich da ungefähr 11 oder
auch 12 gewesen sein muss, glaubte ich mit 20 oder
sogar schon 21, dass ich diese kindische Suche aufgegeben
habe und endlich akzeptierte, dass mein Vater tot
ist und zwar wirklich tot, habe mich geirrt. In
einer Stadt, in der ich mit meinem besten Freund
eine Bekannte besuchte, sah ich einen Mann der ihm
so ähnlich war und dem Alter nach hinkommen
müsste, dass ich mir nicht sicher war, ob er
es nicht wirklich ist. Ich ging sogar zu ihm hin
und fragte nach der Uhrzeit, um vielleicht seine
Stimme zu erkennen. Und im Hingehen überlegte
ich mir ernsthaft, wie ich reagieren sollte, wenn
er es war. Ich dachte in diesem Moment kein einziges
Mal daran, dass er doch tot ist. Dass er das doch
niemals sein konnte. Er war es nicht.
Von der Nähe aus gesehen, hatte
dieser Mann nicht eine Spur von bekannten Gesichtszügen.
Seine Stimme war unbekannt, aber mir wurde zu aller
Enttäuschung auch noch schmerzlich bewusst,
dass ich mich an die Stimme meines Vaters überhaupt
nicht erinnern konnte und auch jetzt noch nicht
kann.
Ich ging mit bitteren Tränen
in den Augen zu meinem besten Freund zurück,
der mich entgeistert anstarrte bis ich ihm erklärte,
was gerade passiert war und dass mir jetzt klar
war, dass ich diesen Tod noch immer nicht im geringsten
verarbeitet hatte. Dass ich immer noch dort stand,
wo ich mit 11 oder 12 Jahren stand, nämlich
da, wo ich nicht akzeptiere, dass er tot ist und,
wenn auch unterbewusst, immer noch nach ihm in voller
Hoffnung suche! Ich war mehr als nur noch am Weinen.
Ich war in dem Moment vollkommen kaputt und krank
vor Sehnsucht nach ihm, nach der Sicherheit, die
er mir gegeben hatte und die ich seither niemals
mehr erlebt habe, und nach der Geborgenheit, die
ich überall, in vielen Menschen und allen Beziehungen,
gesucht habe und immer noch verzweifelt suche.
Es ist nun fast 13 Jahre her, dass
er gestorben ist, und doch hat meine Erinnerung
an die Vergangenheit keinen Schleier bekommen. Trotz
meiner Erinnerungslücken, ist sein Tod klar
vor meinen Augen und auch der damit verbundene Schmerz,
wenn auch nicht aufgezeichnet als Lebensende. Sondern
nur als Wort, dass eine ganz andere oder eigentlich
überhaupt keine Bedeutung hat. Und vielleicht
auch niemals haben wird!
2001-02-22
© Sirpa Weiler
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