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[- Kapitel VIII - Einzelgänger -]

 

2002-01-27

Manchmal fragen mich die Leute, ob ich Einzelgängerin sei. Ich weiß in dieser Situation nie eine Antwort, nicht definitiv und eigentlich weiß ich auch sonst keine Antwort auf diese Frage, auch wenn ich sie nicht gestellt bekomme.

Was ist denn ein Einzelgänger?
Als Einzelgänger geht man alleine seinen Weg. Ja, aber heißt das auch im selben Zug, dass man einsam ist?

Sirpa

Wenn das so ist, dann bin ich vielleicht eine Einzelgängerin. Manchmal, doch meist eigentlich nicht. Ich bin gerne allein, gerne in meiner eigenen Gesellschaft. Ich brauche niemanden, um mit mir selbst etwas anfangen zu können. Aber einsam bin ich nicht gern. Ich glaube, die meisten Menschen, wenn nicht sogar alle, sind nicht gerne einsam. Ich beuge dem vor. Ich habe Orte, die ich mehr oder minder zufällig finde oder vielleicht finden sie auch mich, zu denen ich gehe, an denen ich mich aufhalte – allein. Orte, an dem viele Menschen sind.

Trubel und Bewegung um mich herum und dennoch Orte, an denen ich einfach alleine sein kann, meine ruhige Ecke habe, in der mich niemand stört. Ich sitze alleine am Tisch im Cafè und doch bin ich nicht alleine. Ich müsste nur den Kopf aus meinem Buch, das ich lese, dem Blatt, das ich beschreibe oder dem Papier, welches ich bezeichne oder bemale oder den Gedanken, in denen ich träume, heben und wäre mitten drin, wäre nicht mehr allein. Ich genieße es, an diesen Orten zu sein, wie auch gerade in diesem Moment, da ich an meinem PC sitze und nur aufstehen und ins Nebenzimmer gehen müsste, um nicht mehr alleine zu sein. Bin ich nun deshalb eine Einzelgängerin, weil ich nicht oft in das Nebenzimmer gehe oder den Kopf hebe?

Oder bin ich Einzelgängerin, weil ich keine Hilfe bräuchte, um etwas auf die Beine zu stellen, etwas zu erreichen oder zu organisieren? Ich arbeite gerne im Team, aber ich bin fähig diese Arbeiten auch alleine zu bewältigen, um ein gutes Ergebnis zu erzielen und ich mache es auch verdammt gerne.

Aber bin ich noch Einzelgängerin, wenn ich sage, dass ich die Gespräche mit meinem besten Freund liebe und ich ihn ständig um mich haben könnte, ohne dass er mir irgendwann zuviel des Guten wird? Auch andere, wenn auch nur wenige Menschen kann ich länger in meiner Gegenwart haben und habe sie auch gerne dort. Schwierig wird es dann aber, wenn es mehrere auf einmal sind. Die Gefahr in eine Zwickmühle zu geraten steigert sich mit jeder weiteren Person. Ich konzentriere mich gerne vollkommen auf eine Person, so kann ich mich vollkommen auf sie einstellen und in einer kleinen Gruppe ist das nicht möglich ohne Grüppchenbildung.

Man muss zwangsläufig seine Aufmerksamkeit teilen, was sich sehr anstrengend ausbilden kann. Findet man ein Thema, dass alle mit Begeisterung aufnehmen, dann kann es sehr interessant und amüsant werden, doch diese Themen sollte man nicht zwanghaft suchen und leider stellen sie sich nicht in der Regel ein. Daher gilt für mich der Grundsatz, je kleiner die Gruppe, wenn überhaupt, so wohler fühle ich mich letztendlich.

In großen Gruppen ziehe ich mich in die Beobachterrolle zurück und lass geschehen, was geschieht. Nur in besonderen Fällen greife ich in das Geschehen ein und beeinflusse es irgendwie, so wie es nun einmal passiert, wenn man sich beteiligt. Jeder beeinflusst den Verlauf eines Gespräches und einer Diskussion, sobald er etwas zum Thema beizutragen weiß. Im Endeffekt bin ich einfach lieber alleine, als in schlechter Gesellschaft, wobei ich langweilig in diesem Sinne auch als schlecht definieren kann. Man kann schließlich nicht mit jedem auf der selben Wellenlänge basieren.

In der Beobachterrolle dann ziehe ich mich manchmal in mein Gedankenmeer zurück, dass mich irgendwann mitreißt im Strom und mit mir macht, was es will. Ich bin den Gezeiten willenlos und gegenwehrfrei ausgeliefert. Dann bin ich nicht mehr die Einzelgängerin, sondern auf einmal nur noch die Träumerin. Aber ist ein Gedankenfluss denn zugleich Tagtraum? Sind Tagträume nicht viel mehr die unbewussten Bilder, die sich vor dem inneren Auge zeigen? Und nur weil ich mich hingebe, bin ich dann Einzelgängerin?

Und einzeln einen Weg zu gehen ist doch gar nicht schlimm. Im Gegenteil, denn kann ich nicht froh sein, kein Mitläufer zu sein, der einen Weg geht, weil ihn so viele gehen? Sollte ich nicht stolz sein, mich nicht einreihen zu müssen in einen fremden Gedanken, einen fremden Traum, dessen Weg ich gar nicht ersehen kann und nur das Ziel kennen würde, ohne das Warum dahinter? Ist nicht das Gegenteil von einem Mitläufer der Einzelgänger? Und wie werde ich jetzt auf die leicht abwertende Frage antworten, ob ich eine Einzelgängerin bin?

Ich werde sagen, ja, und ich bin stolz darauf, meinen Weg nicht nach anderen zu richten, nur weil viele sich einreihen und einfach mitlaufen. Ich bin stolz darauf, weil ich am Ziel sagen kann, ich habe es allein erreicht und ich weiß genau, warum ich diesen Weg ging und ich weiß auch genau, warum ich dieses Ziel habe– denn es ist mein Ziel, mein Traum gewesen und nicht irgendeiner, von irgendwem.

2002-01-27 © Sirpa Weiler

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