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Federschriften -> Kapitel V - Aussprache
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Aussprache -]
2001
Freundschaft
heißt in jeder Hinsicht immer offen
und ehrlich miteinander umzugehen, mal abgesehen
von den kleinen Geheimnissen, die doch jeder
in sich und mit sich trägt. Freundschaft
heißt, sich immer zu sagen, was man
(über den anderen) denkt.
Ein
Freund ist ein Mensch,
vor dem man laut denken kann.
~ Emerson ~
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| © Ed Wade |
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Doch
was ist, wenn auf einmal eine Sache im Raum der
Freundschaft steht, so ganz mitten drin, dass man
sich einfach nicht mehr sehen kann, sondern nur
noch diese Sache, die den Anblick des anderen verdeckt?
Wenn man den anderen nicht mehr hört, weil
diese Sache den anderen nicht verstehen lässt,
weil Du so verändert sprichst, so verändert
Dich verhältst, so dass der andere Dich nicht
mehr begreift und auf einmal auch diese Sache im
Raum spürt?
Doch
Du kannst einfach nichts sagen, kannst nicht aussprechen,
was Dich so bedrückt, was Dich so ärgert,
was Du nicht magst. Du kannst es dem Freund nicht
sagen, weil es ihn betrifft. Weil es sein Verhalten
betrifft. Ein Verhalten, das er für so richtig
hält und Du genau weißt, dass es alles
andere als richtig ist.
Du fragst Dich, hast Du ein Recht, Deinen Freund
zu kritisieren, wobei ihr doch im Grundlegenden
immer einer Meinung wart, weil es das war, das euch
so sehr verband und immer noch verbindet. Du fragst
Dich, ob Du ihn in seinem Verhalten kritisieren
kannst.
So
oft hast Du ihn schon kritisiert und es war gut,
doch dieses mal geht es nicht, es ist eine harte
Kritik und Du hast Angst, dass der Freund es Dir
übel nimmt, vielleicht sogar glaubt, Du fiehlst
ihm in den Rücken, obwohl es doch alles andere
als das wäre. Du möchtest ihn doch davor
bewahren, dass er sich unbeliebt macht mit seinem
falschen Verhalten, mit seiner falschen Einstellung
in dieser Situation. Aber Du hast Angst, er könnte
es nicht verstehen, hast Angst er könnte an
Deiner Freundschaft zweifeln, glauben, Du hättest
ihn nicht mehr lieb, eben weil dieser Freund so
sehr der Meinung ist im Recht zu sein.
Erst
sagst Du nichts, weil Du glaubst, es könnte
doch was Wahres dran sein, an seiner Einstellung,
an seiner Meinung. Vielleicht irrst Du Dich ja,
sagst Du Dir vielleicht. Du wartest erst einmal
ab, sagst Du Dir, beobachtest die Situation und
nimmst Dir vor, erst dann mit ihm zu sprechen, wenn
Du Dir sicher bist, im Recht zu sein. Solange sagst
Du nichts, hältst Dich raus. Dein Freund nimmt
Dein Schweigen als Zustimmung, er denkt nicht daran,
dass Du nicht seiner Meinung bist. Doch dann sehen
auch andere, dass da etwas nicht in Ordnung ist,
dass das Verhalten Deines Freundes alles andere
als positiv ist.
Doch
nun, Du willst mit ihm sprechen, möchtest ihm
alles sagen, möchtest ihm helfen, ihn schützen,
aber Du kannst nicht. Zu lange schon hast Du schweigend
akzeptiert, hast Deinen Freund in der Sicherheit
gewiegt, dass er auch hier mit Dir rechnen kann.
Und nun? Wie sollst Du ihm sagen, dass es eben nicht
so ist. Dass er mit seinem Verhalten verletzt, dass
über ihn geredet wird und wie willst Du ihm
sagen, dass zu Recht über ihn geredet wird,
dass er zu Recht scharf kritisiert wird, und auch
dass Du verstehen kannst, warum sich einige Menschen
von ihm zurück ziehen. Wie willst Du ihm erklären,
dass Du gleicher Meinung bist, dass Du genau so
scheiße findest, wie er sich verhält.
Du als einer der engsten Freunde. Er wird der Meinung
sein, dass Du ihm tatsächlich in den Rücken
fällst. Er hat auf Dich gezählt, hat mit
Dir gerechnet und er wird nicht verstehen, dass
das immer noch so ist, auch wenn Du ihn kritisierst.
Er
wird schon gar nicht verstehen, dass Du es genau
aus diesem Grund tust, dass Du eben genau dieser
enge und treue Freund bist, weil Du ihm die Wahrheit
sagst. Du willst ihn nicht verletzen, Du willst,
dass er begreift, dass er merkt, dass Du ihm alles
offen sagst, weil er Dein Freund ist, weil Du ihn
so sehr lieb hast. Doch wie?
Du
wartest ab. Wartest auf den passenden Moment. Überlegst
Dir Deine Worte genau, wenn er nicht anwesend ist.
Nimmst Dir fest vor, es beim nächsten Treffen
in einer ruhigen Minute anzusprechen. Das nächste
Treffen kommt, die ruhige Minute zu zweit ist da
und auf einmal hast Du gar nicht mehr so das Gefühl,
dass es so schlimm ist. Du redest Dir ein, das ist
doch mein Freund, das ist doch genau der Mensch,
den ich so gern habe und er hat sich doch gar nicht
verändert. Natürlich hat er sich nicht
verändert. Ihr hattet dieses Thema nie, als
ihr zu zweit wart oder es war immer so sehr plausibel
erklärt, dass Du es doch gar nicht mehr so
schlimm fandest.
Warum
solltest Du also diesen schönen Moment der
Zweisamkeit zerstören. Sollen doch die Leute,
die ein Problem mit dem Freund haben, selbst auf
die Idee kommen, mit ihm zu sprechen. Du verdrängst,
verschönst und vergisst in diesem Moment einfach,
was Dich so sehr stört, was so sehr falsch
läuft. Er spricht so einleuchtend. Es stört
Dich zwar noch immer, aber Du kannst auf einmal
verstehen. Irgendwann bist Du dann wieder allein.
Irgendwann siehst Du es aber wieder und wieder,
wie schrecklich Dein Freund sich benimmt und wieder
nimmst Du Dir fest vor, beim nächsten Treffen,
in einer ruhigen Minute mit ihm zu sprechen.
Immer
und immer wieder schaffst Du es aber einfach nicht.
Immer und immer wieder redest Du Dir ein, Du müsstest
nichts sagen, das ginge schon irgendwie, er wird
schon wieder zur Vernunft kommen und mit diesem
immer und immer wieder nicht reden, ziehst Du Dich
ungewollt von ihm zurück. Denn diese Sache,
die im Raum eurer Freundschaft steht, wird immer
bedrückender. Du beginnst Dich auch bei anderen
Themen zu verschließen, erfindest dann irgendwann
Ausreden, um Dich nicht mit ihm treffen zu müssen,
weil Du diese Mauer zwischen Euch einfach nicht
mehr aushältst. Du nur noch die Sache siehst,
die so schief läuft und nicht mehr die anderen
Momente. Solange diese Sache nicht geklärt
wird, solange wird die Freundschaft weiter kaputt
gehen und Du weißt das.
Und
dann kommt auf einmal der große Knall. Dein
Freund spürt die Kluft zwischen Euch, sieht
deutlich, dass mit Dir etwas nicht stimmt und auf
einmal zweifelt er an eurer Freundschaft. Er tut
genau das, was Du auf jeden Fall verhindern wolltest.
Doch wie kannst Du ihm jetzt noch sagen, was Dich
stört? Er wird Dir doch vorhalten, dass Du
nicht sofort ehrlich zu ihm warst. Dass Du ihn angelogen
hast. Und wie sollst Du es erklären? In solchen
Momenten fehlen einfach die Worte, alles so zu erklären,
dass der andere es nachvollziehen kann. Du hast
Angst, er könnte meinen, dass Du Dich heraus
reden möchtest. Du hast Angst, er könnte
ein falsches Bild von Dir bekommen, könnte
die Freundschaft wegen Misstrauen beenden.
Doch
irgendwann kommst Du an einen Punkt, bei dem Du
merkst, dass die Freundschaft ohne Aussprache auf
jeden Fall kaputt gehen wird, dass aber mit einer
Aussprache eine Fifty/Fifty–Chance besteht.
Und Du lässt Dich darauf ein. Stellst Dich
der Konfrontation und hoffst einfach, es ist nicht
alles verloren.
Nun
der Wendepunkt: Entweder ihr seid beide vollkommen
ehrlich zueinander und ihr klärt alle zwischen
euch liegende Dinge und versucht so gut wie möglich
Kompromisse zu finden und es kann wieder klappen.
Oder ihr verhaltet Euch so, wie ich es erleben musste
(zwar nicht unter uns Dreien - Tim, Björn und
meiner Wenigkeit -, aber doch im engen Freundeskreis).
Und zwar wird das Oberflächliche geklärt
und auch einiges, was wirklich zur Sache gehört,
doch eines nicht: das, worauf es ankommt. Die Grundlage,
die allen Streit und alles Misstrauen wirklich verursacht
hat.
Sie
wird nicht geklärt, sie wird nicht erklärt,
weil es auf jeden Fall einen Verlust bedeuten würde.
Einen Verlust in der Freundschaft, weil Du merkst,
dass der andere es wirklich falsch verstehen würde
und auch nicht von seiner Meinung abkommen würde.
Du möchtest diese Freundschaft und nimmst in
Kauf, Dinge zu tun oder zu sagen oder Dinge zu lassen
oder nicht zu erwähnen, um die Freundschaft
zu halten und dabei siehst Du nicht, dass Du damit
die Freundschaft nur noch offiziell bestehen lässt.
Das Gefühl des Vertrauens und der Vertrautheit
wird nicht wieder zurück kommen, es wird einfach
nicht mehr das sein und irgendwann kannst Du nicht
einmal den kleinen Teil, der jetzt noch da gewesen
wäre, retten. Denn dann ist es zu spät.
Fazit:
Die unbequemen Freunde, können die besten sein.
- aber nur, wenn der eine gleich sofort offen und
ehrlich sein darf, weil er sicher sein kann, dass
der andere ihm ohne Misstrauen aufmerksam zuhört.
Keiner
ist so taub wie der, der nicht hören will.
~ aus Frankreich ~
Dein
wahrer Freund ist nicht,
wer Dir den Spiegel hält
der Schmeichelei,
worin Dein Bild Dir selbst gefällt.
Dein wahrer Freund ist,
wer Dich sehn lässt Deine Flecken.
Und sie Dir tilgen hilft,
eh‘ Feinde sie entdecken.
~ Friedrich Rückert ~
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