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[- Kapitel IV - Nicht wirkliche Wunschträume -]

 

2001-02-20

Ich habe so viele Wunschvorstellungen. Vorstellungen von wundervollen Wünschen, die durchaus real sein könnten, wenn das betreffende Umfeld doch auch nur die gleichen Wunschvorstellungen hätte. Meist jedoch bleiben diese Vorstellungen nur Wünsche, denn das Umfeld spielt da einfach nicht mit. Aber ich hoffe trotzdem darauf, male mir jetmögliche Situation aus, die vielleicht ja doch auf die eine oder andere Weise passieren könnte.

Immer und immer wieder gebe ich mich diesen Träumen vollends hin und immer werden sie bunter, immer mehr realistisch. So realistisch, dass ich fast glaube, es wirklich erlebt zu haben, wenn ich es nicht besser wüsste. So oft schon hat sich ein und der selbe Wunsch wiederholt und ist lange in meinem Gedächtnis verankert geblieben. Fortlaufend ist irgend ein solcher Wunsch auf lange Zeit in meinen Gedanken. Und auch wenn ich hoffe, so glaube ich nicht wirklich daran, dass er sich erfüllt. Und auch wenn ich noch so sehr wünsche, weiß ich genau, dass es nie passieren wird. Nicht so und auch nicht in einer der vielen verschiedenen Situationen, die ich mir ausmale, um die Möglichkeit der Erfüllung zu erweitern und zu vergrößern.

Meine Gedanken sind ein einziger Widerspruch in sich, denn wie kann ich etwas wissen und doch so fest an den Gegensatz glauben. Wie kann ich mir über etwas vollkommen bewusst sein, und doch genau das Gegenteil mir in so vielen Variationsmöglichkeiten ausmalen, um meine Chancen auf Erfüllung zu vergrößern, obwohl ich doch ganz genau weiß, dass da keine Chance zum vergrößern ist...?!?

Und das, was ich habe, das schätze ich nicht wirklich, weil es eigentlich nicht das ist, was ich wirklich will, denn diese Wunschvorstellungen sind das, was ich wirklich will. Doch was, wenn diese Wünsche auf einmal doch der Realisierung sehr viel näher rücken? Genau dann in diesem Augenblick, kurz vor der Erfüllung, da mache ich dann einen Rückzieher, weiß auf einmal nicht mehr, ob ich das denn wirklich will. Und alles nur aus lauter Angst, meinen eigenen Wünschen nicht gerecht werden zu können. Ich bin mir sogar nahezu total sicher, dass ich diesen Vorstellungen niemals gerecht werden würde. Dabei habe ich mich, die ganze Zeit davor, doch so sehr danach gesehnt und auf einmal soll ich das gar nicht wirklich wollen?

Will ich denn zeitlebens nur irgendwelchen Wunschvorstellungen nachrennen und dann eine Kehrtwendung machen, wenn sie drohen Wirklichkeit zu werden? Warum habe ich dann immer kurz vor der Erfüllung das Gefühl, dass ich mich Wünschen hingegeben habe, die eigentlich gar nicht dem entsprechen, was ich will? Warum scheint dann alles gar nicht mehr so aufregend, befriedigend und erfüllend wie einst im Traum? Liegt es wirklich daran, dass ich Angst habe, meinen eigenen Anforderungen nicht fähig zu sein? Bilde ich mir denn dann nur ein, dass ich eigentlich gar kein Bedürfnis nach der Erfüllung von diesen auf einmal idiotischen Wünschen habe?

Habe ich mir all die Schönheit und Farbenpracht, denn wirklich nur in meiner Phantasie so real erscheinen lassen? Es war so schön zu träumen, die Vorstellungen haben mich so unbeschreiblich glücklich gemacht und auch mit so viel Schmerz erfüllt, wenn mir wieder bewusst wurde, dass meine Wünsche sich nie erfüllen werden. War das denn alles nur Einbildung? Sind Glück und Schmerz denn alles nur Gefühle der eigenen Einbildungskraft? Aber wie können sie denn so wunderschöne Gänsehaut oder solch bittere Tränen hervorbringen, wenn es nur Einbildung ist?

Oft frage ich mich, warum kann ich nicht einfach glücklich sein? Und sehe ich jemanden, der in einer Situation offensichtlich glücklich ist, dann spüre ich, obwohl ich es demjenigen von Herzen gönne, einen Kloß in meiner Brust, der mich am Schreien hindert, doch ich würde gerne Schreien. Im gleichen Moment jedoch versuche ich zwanghaft den aufschreien wollenden Schmerz zu unterdrücken und der Kloß in meiner Brust wird dicker und dicker. Und schlagartig wird mir bewusst, dass ich niemanden habe, der mich in den Arm nimmt. So viele Menschen sind in meinem Leben, die mich jederzeit mal in den Arm nehmen würden und es auch tun, doch damit ist mein Problem nicht bewältigt, denn ich sehne mich nicht danach immer mal wieder von irgend jemandem in den Arm genommen zu werden, sondern von einer Person ständig, wenn ich es brauche und auch so lange wie ich es brauche.

Mir wird bewusst, dass ich die ganze Zeit auf Entzug von Zärtlichkeiten stand, denn das manchmal und auch das öfter von Freunden in den Arm genommen werden, ist nicht das, was mich zur innerlichen Ruhe bringt, das mich beschützt und das mir die Sicherheit gibt, die ein jeder Mensch braucht, ob er es nun zugibt oder nicht. Dieses immer mal wieder in den Arm genommen werden, so gut, liebevoll und hilfreich es gemeint ist, das ist nur ein Stück vom Ganzen und niemand wird mir das Ganze geben können, auch wenn er es noch so sehr wünscht. Niemand von den vielen, sondern nur eine Person, die keinen Namen hat, noch nicht. Es soll einfach nur eine Person sein, die ich liebe, die mich liebt und die meine Sicherheit und Geborgenheit ist, wie ich die Ihre.

Das ist eigentlich das ganze Sein meiner Wunschvorstellungen, egal um wen es sich gerade handelt, egal in welcher Situation es spielt. Grundlegend ist jeder einzelne Traum gleich: er handelt immer von Sicherheit und Geborgenheit und das ist das, was mich so glücklich macht, wenn ich mir so reell vorstelle, wie es ist, das zu spüren. Und das ist das, was mir so schmerzlich weh tut, wenn mir bewusst wird, dass ich das nie bekommen werde. Jedenfalls nicht von der beträumten Person in der jeweiligen Zeit. Einfach Wünsche, diese Nähe zu genießen, die andere doch auch so glücklich macht und dann wird mir bewusst, während dessen ich diesen Kloß in meinem Herzen fühle, dass ich gar nicht bereit bin, gar nicht fähig bin, jemanden so nah an mich heran zu lassen.

Aus welchen Gründen auch immer, ich kann es noch so sehr wollen und wünschen, ich kann es einfach nicht. Ich haue einfach ab, wenn es soweit ist. Stoße damit immer vor den Kopf des anderen, aber es ist mir in dem Moment so egal. Ich reagiere aus Angst, aus vollkommen blinder Panik heraus, jemanden so nah an mich zu lassen, dass ich gar nicht fähig bin, solange sich dieser Zustand fortwährend wiederholt, jemals glücklich zu werden, geschweige denn zu sein.

In meinen Wunschvorstellungen kann ich jeden, von dem ich es mir wünsche an mich heran lassen, kann diese Nähe vollkommen akzeptieren, denn in meinem Wunschtraum ist alles perfekt, da kann mir nichts passieren, niemals. Ich kann nicht verletzt und mein Stolz, der das einzige ist, was mir geblieben ist, nicht gebrochen werden, weil die Person in meinem Traum das niemals tun würde, doch in der realen Welt, in der wirklich realen Welt, da kann ich das niemals beeinflussen, da ist niemals irgend etwas perfekt.

Es ist die Angst, vor Verletzung, Angst vor einer Verletzung, die ich schon erleben musste, Angst jemanden zu verlieren, den ich nicht blind, jedoch bedingungslos liebe, bei dem ich diese Nähe zugelassen habe, wie ich es schon erfahren musste. Eigentlich ist es die Angst vor der Vergangenheit. Einer Vergangenheit voller Enttäuschung und Schmerz, die sich in der Gegenwart und auch in der Zukunft niemals wieder wiederholen sollen.

Schmerz, den ich niemals wieder erleben will. Also gebe ich mich weiter meinen Wunschvorstellungen voller Hingabe hin, werde weiterhin nur im Traum leben und immer vermasseln, wenn meine Träume der Realität zu nahe kommen. Also werde ich immer nur in meiner Einbildung glücklich sein und nach außen werde ich immer kalt bleiben, Gefühl und Gedanken einfach abschalten und skrupellos egoistisch durchs Leben gehen. Solange bis ich jemanden finde, der mir die Sicherheit gibt, sicher sein zu dürfen und dann... werde ich wieder abhauen. Ich kann nur darauf hoffen, dass ich nicht finde, sondern gefunden werde! Wieder so ein wundervoller Wunschtraum, dem ich mich jetzt hingeben werde.

2001-02-20 © Sirpa Weiler

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