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was man wirklich will
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Kapitel I - Nicht wissen, was man wirklich will
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2001-02-19
Wenn ich mir vorstelle, wie ich
aufschreibe, was es heißt, wenn ich mich fühle,
als wisse ich nicht wirklich, was ich wolle, dann
sehe ich ein Blatt Papier vor meinem inneren Auge,
auf dem ein Text geschrieben steht, der nicht, wie
in der europäischen Form üblich, in der
linken oberen Ecke beginnend und in der rechten
unteren Ecke endend geschrieben und gelesen wird,
sondern ein Text, der in der linken unteren Ecke
beginnend und in der rechten oberen Ecke endend
geschrieben und aber normal von links oben nach
rechts unten gelesen wird.
Und eigentlich beginnt und endet
dieser Text nicht wirklich irgendwo links oder rechts,
oben oder unten. Auch nicht in der Mitte, und überhaupt
hat dieser Text keinen Anfang und kein Ende. Worte,
die aneinandergereiht von hinten nach vorne, wie
von vorne nach hinten, von oben nach unten, wie
von unten nach oben und durcheinander gelesen einen
vollkommen sichtbaren Zusammenhang zeigen und doch
total verschieden sind. Eigentlich ist jedes einzelne
Wort für sich eine ganze Geschichte oder ein
Teil einer Geschichte und trotzdem sind die Worte
zusammengehörig, wie es mit allem ist, denn
eines führt zum anderen, nichts existiert ohne
Ursachen, und auch diese Ursachen existierten nicht
ohne Vorgeschichte.
Jedes
noch so kleine Ereignis bringt ein weiteres mit
sich und immer so fort. Nichts, rein gar nichts
ist einfach nur zufällig. Manche Ereignisse
enden in einer Sackgasse, führen irgendwann
nicht mehr zum nächsten und übernächsten.
Doch auch diese Ereignisse sind nicht unnötig,
nicht unbrauchbar, denn man lernt daraus, hat eine
weitere Erfahrung gemacht und kann sie vielleicht
bei anderen, späteren Ereignisperioden gebrauchen
als Erfahrungswert, als weiterer Wegweiser, als
Erinnerung, als Gedanke oder Idee. Und somit sind
diese Ereignissackgassen gar keine Ereignissackgassen
mehr. Sie sind mehr oder minder nur länger-
oder kurzfristig auf Eis gelegt, bis man sie wieder
hervorkramt um einen seiner vielen Wege auf dem
eigentlichen Lebensweg weitergehen zu können
oder zu müssen oder eben zu wollen.
Aber
was nun, wenn man auf einmal gar nicht mehr wirklich
entscheiden kann, was man eigentlich wirklich will?
Dann durchsucht man halb verzweifelt, halb neugierig
in seinen auf Eis gelegten, vermeintlichen Sackgassen-Ereignis-Erinnerungen
nach einer Hilfe, nach einer Unterstützung
und vor lauter Suchen nach einer Lösung, entfernt
man sich nur noch weiter von ihr. Verliert sich
sozusagen in sich selbst und merkt es nicht einmal,
bis man dann wie aus einem Traume aufwacht und merkt,
dass man nur noch weniger weiß, was man eigentlich
will oder vielleicht nicht will. Man verliert sich
nicht nur in sich selbst, sondern auch in der Vorstellung,
die man von sich selbst hat.
Man
glaubt, immer noch dieser Vorstellung gerecht zu
werden und denkt nicht einmal darüber nach,
dass man sich eigentlich seit langen schon gegensätzlich
derer verhält, gibt und denkt; man schon viel
weiter den Weg gegangen ist, etliche Transformationen
durchgemacht hat und sich nun an einem ganz anderen
Punkt befindet, an dem sich die eigenen Welt zur
Zeit nicht um sich selbst, dem neuen Selbst, dreht,
sondern immer noch an der Gabelung vor Zeiten, um
sein altes Selbst, das diesen Vorstellungen noch
vollkommen gerecht wurde.
Also
wacht man irgendwann früher oder später
aus diesem Traum auf, entdeckt, dass man seiner
Lösung des nicht-wissen-was-man-wirklich-will
nicht näher gekommen, sondern sogar entfernt
von ihr hat und dass man vollkommen neben sich steht.
Neben sich, dem alten Selbst, weil sich seine Welt
nicht um sich, sondern um das alte Ich dreht.
Man
erwacht aus diesem Traum und kommt sich vor wie
im Traum, handelt wie im Traum, handelt wie in Trance.
Und auch wenn man sich völlig bewusst darüber
ist, was man tut und was man sagt, so scheint es
trotzdem, als kämen die Worte und die Taten
nicht von einem selbst. Man sieht sich selbst neben
sich stehen und doch in sich drin. Man hört
einen anderen reden, als wäre man selbst der
Zuhörer und doch redet man selbst. Man tut
Dinge, an die man sich später erinnert, dass
man sie zwar getan hat, aber nicht mehr nachvollziehen
kann, wie genau. Man sieht alles vollkommen klar
und doch ist es vollkommen verschwommen und wirkt
surreal, gekünstelt, nicht echt. Im Prinzip
kennt man sich einfach selbst nicht mehr.
Man
wacht auf aus diesem einen Traum und erkennt, dass
man das, was man von sich kennt, schon lange nicht
mehr ist, sich schon lange unbemerkt verändert
hat. An eben einem ganz anderen Punkt steht, ohne
gemerkt zu haben, dorthin gekommen zu sein. Und
so schnell man diese Erkenntnis hat, so schnell
ist sie auch wieder verschwunden, wirkt genauso
irreal und unecht wie die ganzen Situationen, die
man in dieser Zeit erlebt. Kaum hat man das Gefühl
wieder sich selbst zu sein, die eigene Welt um sich
selbst wieder drehen zu haben, ist man durch die
vorhergegangene Erkenntnis wieder unbemerkt einen
Schritt weiter gegangen ohne seine eigene Welt mitzunehmen.
So kann es immer weiter gehen, bis man sich endlich
wieder in sich selbst findet, wenn man sich irgendwann
wieder in sich selbst findet.
Am
liebsten würde ich mich und auch die Zeit einfrieren
lassen, bis alles wieder an seinem richtigen Platz
ist, zwar an einem anderen als zuvor, aber doch
im Einklang, denn in einer solchen Transformation,
in einer solch heftigen Weiterentwicklung Meinehrselbst
habe ich permanent das Gefühl, dass mir wundervolle
oder auch auf andere Weise wertvolle Ereignisse
um mich entgehen, weil ich eben so sehr neben mir
stehe und damit beschäftigt bin, meine eigene
Welt wieder um mich und nicht um mein altes Selbst
kreisen zu lassen, dass mir diese möglichen
Ereignisse nur als wage Egal-/ Unwichtig-Erinnerung
bleiben, obwohl ich vielleicht viel daraus hätte
ziehen können.
Ich
habe an sich schon viel zu oft das Gefühl,
dass meine Vergangenheit mir wie die Erinnerung
an ein vielseitiges Buch, das ich sooft gelesen
habe, um es auswendig zu können, ohne dass
es mir langweilig wurde, vorkommt, je öfter
ich mich verändere. Und man verändert
sich ja ständig, eigentlich nach jeder noch
so kleinen Begebenheit in seinem Leben. Das sind
dann Veränderungen, bei der man die Transformation
gar nicht wirklich mitbekommt, weil sie so rasch
vor sich gehen, dass man sie schneller annimmt als
andere. Veränderungen Seinerselbst, bei dem
die eigene kleine Welt um sich mitwandert auf den
Wegen, die man auf seinem Lebensweg geht.
Doch
wenn dann auf einmal viele kleine Ereignisse zusammenkommen
oder sogar einige große, dann kommt man eventuell
in den Spalt zwischen Wollen und Sollen, verliert
sich vielleicht genau dann in sich selbst, weil
dieses Wollen und Sollen so gegensätzlich im
eignen Grundsatz sind, dass man eine Hilfe sucht
in den auf Eis gelegten, vermeintlichen Sackgassen-Ereignis-Erinnerungen.
Und schon geht es los mit der unbemerkten Entfernung
von der eigentlichen Lösung, die meist eine
ganz einfache ist. So einfach, dass man sie gar
nicht als solche erkennt, weil man nicht einmal
in Betracht zieht, das die Lösung seines Problems
eine so einfache sein könnte.
Man
zieht sie nicht in Betracht, vielleicht auch, weil
sie unbequem für sich, seinen Stolz, seinen
Standpunkt ist und man lieber nicht über seinen
eigenen Schatten springen möchte. Lieber unbewusst
nach einem bequemen Ausweg sucht, möge er noch
so kompliziert und schwierig sein. Es geht nicht
um das einfach herausfinden, was man eigentlich
will, sondern darum, wie man am einfachsten nicht
über seinen eignen Schatten springen muss.
Und somit geht man genauso einfach am eigentlichen
Problem vorbei und verstrickt sich selbst in sich
selbst.
2001-02-19
© Sirpa Weiler
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